Schlagwort: Medienkritik

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor – Ein Jahrebuch (2020)

Teils Ossi-Wessi-Geschichte, teils Zeugnis der Zunahme der Verlogenheit

Birk Meinhardt ist ein waschechter Ossi und erklärt sich dankenswerterweise ausführlich und ehrlich dazu, was das im Guten wie im Schlechten bedeutet. Hier ist das Buch sehr stark. Als er nach dem Mauerfall in den Westen zur Süddeutschen Zeitung kommt, fühlt er sich im Paradies: Er kann alles schreiben was er will! Doch dann bemerkt er immer mehr Einschränkungen, und am Ende passen seine neu erwachte Freiheitsliebe und die Linie der Zeitung nicht mehr zusammen.

Teilweise ist das einfach eine Ossi-Wessi-Geschichte. Der Ossi denkt, im Westen ist das Paradies, und dann ist es doch nicht so. Die Süddeutsche Zeitung hat, wie viele Zeitungen, eine recht klare Linie. Es war schon immer klar, dass man dort nicht alles schreiben kann. Nur hat Birk Meinhardt dies eben erst spät bemerkt. Und es ist im Grundsatz auch nichts verkehrt daran, dass verschiedene Zeitungen verschiedene „Linien“ haben. Das Verlogene liegt eher darin, dass diese Blätter nicht offen dazu stehen und ihre Linie nicht im Untertitel ihrer Zeitung klar zum Ausdruck bringen.

Doch auf dieses Niveau bringt Birk Meinhardt seine Kritik nicht. Teilweise offenbart der Autor, dass er selbst eine recht einseitig Sicht auf die Welt hat. Er ist gegen die USA und ihre Kriege, gegen die NATO, für Russland, usw. usf. Das darf er sein, und es sollte auch eine Zeitung dafür in Deutschland geben, und sowas sollte auch im Öffentlich-Rechtlichen fair behandelt werden. Aber dass er damit bei der Süddeutschen nicht ankommt, ist klar.

Interessanter ist, dass dieses Buch teilweise auch ein Zeugnis dafür ist, dass die Verlogenheit und Einseitigkeit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zugenommen hat. Leider wird das aber nicht sauber von der Ossi-Fehlwahrnehmung getrennt. Der Leser muss sich selbst denken, was auf das eine Phänomen und was auf das andere Phänomen zurückgeht.

Das Buch ist dort stark, wo es ehrlich die eigene Geschichte und die Vorgänge in der Süddeutschen Zeitung beschreibt. Man sieht, was läuft, und wie es läuft. Das ist immer gut und der Anfang und die Basis jeder Kritik. Das Buch schafft es aber nicht, die Analyse auf ein höheres Niveau zu heben, das geeignet wäre, echte Lösung zu formulieren. Es bleibt sozusagen auf Wutbürger-Niveau hängen. Klar, die Zustände machen wütend. Aber die Lösung kann eben nicht sein, dass die Süddeutsche Sachen veröffentlicht, die ihrer Linie zuwiderlaufen. Deshalb nicht volle Punktzahl.

Die richtige Kritik wäre gewesen: Die Süddeutsche muss offen zu ihrer politischen Linie stehen. Und es muss andere Zeitungen und öffentlich-rechtliche Journalisten geben, die auch die anderen Meinungen zum Zuge kommen lassen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 14. Februar 2021)

Joana Cotar: Inside Bundestag – Wie ich in 8 Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor (2026)

Dichte Darstellung der Probleme in Anekdoten; mit konstruktiven Lösungsvorschlägen

Es muss Spaß gemacht haben, dieses Buch zu schreiben: Schon der Blick ins Inhaltsverzeichis zeigt, wie hier in dichter Folge alle Probleme unserer Demokratie Punkt für Punkt abgehandelt werden: Die Versuchung des Geldes, der Mangel an Qualifikation, die Macht der Parteien, das Elend der Listenwahl und der damit verbundene Parteienklüngel, das Märchen von der Arbeit in den Ausschüssen, Geschäftsordnungstricks, Willkür und Doppelmoral, die Explosion der Bürokratie, der NGO-Komplex.

Das alles hat sich die Autorin sichtlich von der Seele geschrieben. Denn alles wird durch persönliche Erlebnisse und Anekdoten untermauert. Man mag es manchmal kaum glauben, wieviel Niedertracht und Chuzpe das real existierende Politiksystem hervorbringt. Die Darstellung ist sehr dicht, die Autorin liefert kein Blabla, sondern kommt konsequent zur Sache, weshalb das Buch auch nur 220 Seiten hat: Die haben es aber in sich.

Das letzte Kapitel widmet sich einigen Lösungsvorschlägen: Es ist falsch, nach der Partei des kleineren Übels Ausschau zu halten. Denn die Parteien selbst sind in der aktuellen Form das Problem. Nicht die Verfassung, wohl aber die Verfassungswirklichkeit, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, ist zum Problem geworden. Das System selbst muss gründlich reformiert werden, damit die ursprünglichen Absichten des Grundgesetzes wieder zum Tragen kommen.

Vorgeschlagen wird u.a.: Volksentscheide, Panaschieren und Kumulieren, Trennung von Abgeordneten- und Ministeramt, mehr Lobbyismustransparenz, Mindestqualifikationen für Politiker, Amtszeitbegrenzungen, Politikerhaftung, Rechenschaftsberichte in Bürgerversammlungen, keine Staatsfinanzierten NGOs, Kompetenzen nach unten verlagern, unabhängige Medien. Vor allem aber eine radikale Reduzierung des Geldes im System. Weniger Staat bedeutet, dass die Bürger mehr Freiheit haben, ihr Leben nach eigener Facon zu gestalten.

Kritik

Leider wird wenig dazu gesagt, wie man die genannten Lösungsvorschläge gegen eine Parteienoligarchie durchsetzen könnte, die sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lassen wird. Über ihr Engagement im „Team Freiheit“ und dessen revolutionäres Konzept einer Partei neuen Typs sagt die Autorin nichts.

Die Rolle der Medien wird zu wenig beleuchtet. Mehr noch als das politische System ist das Mediensystem in Deutschland Dreh- und Angelpunkt aller Probleme. Auch zu sozialen Netzwerken finden sich kaum Aussagen.

Ob Kumulieren und Panaschieren tatsächlich die Macht der Liste brechen kann, ist fraglich, wie Erfahrungen im kommunalen Bereich zeigen. Zudem führt dieses Verfahren zur Unkontrollierbarkeit der Auszählung der Wahl, und das ist brandgefährlich.

Sowohl die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft als auch der Verfassungsschutz und seine Probleme werden in den Vorschlägen nicht zum Thema gemacht.

Schließlich erfährt man auch kaum etwas zum Engagement der Autorin für Krypowährungen, das unter dem Titel „Bitcoin im Bundestag“ zum bekannten Schlagwort wurde.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie (1985)

Klassiker der Medienkritik über den Wert der Lesekultur des gedruckten Wortes

Medienkritik heute richtet sich vor allem auf die Frage, wer über die politische Ausrichtung in den Medien entscheidet. Neil Postman setzt eine Stufe tiefer an und wird noch grundlegender: Sind die neuen Medien vielleicht selbst ihrer Natur nach daran beteiligt, welche Inhalte sie transportieren? Und mehr noch: Welche geistige Haltung und welches Niveau von Intelligenz prägen sie beim Publikum ihrer Natur nach?

Diese Fragen diskutiert Neil Postman anhand des Übergangs von der Schriftkultur des gedruckten Wortes des 19. Jahrhunderts zur Fernsehkultur des 20. Jahrhunderts.

Einen der stärksten Eindrücke beim Leser hinterlässt dieses Buch durch die Beschreibung der Schrift- bzw. Lesekultur des 19. Jahrhunderts. Damals war das gedruckte Wort in Buch, Zeitung und Flugblatt das einzige und damit vorherrschende Medium, und es wurde tatsächlich viel gelesen, auch in unteren Schichten. Das Medium des gedruckten Wortes prägte den Geist: Vorherrschend war ein dem geschriebenen Wort entsprechendes lineares, strukturiertes und langatmiges Denken. Das gedruckte Wort ist gewissermaßen das ideale Medium für Rationalität. Die damaligen Reden von Politikern waren dementsprechend erstens länger und zweitens bedeutend argumentativer als heute. Neil Postman verweist darauf, dass in den USA damals selbst die Bauern Homer lasen (was etwas überspitzt, aber nicht falsch ist). Nicht zufällig wenden sich auch die Federalist Papers, mit denen in Zeitungen für die Annahme der US-Verfassung geworben wurde, an ein Publikum, das zum Lesen und Mitdenken bereit ist.

Das Fernsehen ist hingegen das Medium der Unterhaltung. Es wird von visuellen Eindrücken beherrscht, nicht von gesprochenen Texten. Der Zuschauer merkt sich Dinge nur schlecht. Alles wird in kurzen Sequenzen präsentiert, die nicht zusammenhängen. Seiner Natur nach zwingt das Fernsehen die Inhalte dazu, zur Show zu werden. Politiker halten nur kurze und inhaltslose Statements. Lächeln und gutes Aussehen ist wichtiger als ein Argument. Tiefgang verwirrt nur. Auch ernstgemeinte Sendungen verkommen unfreiwillig zur Schau, selbst ernstgemeinte religiöse Sendungen (Bischof Fulton J. Sheen) und Bildungsangebote (Sesamstraße).

Neil Postman demonstriert die Gefahren einer vom Fernsehen beherrschten Gesellschaft anhand der zwei klassischen Dystopien der neueren englischen Literatur: George Orwell und Aldous Huxley. Orwell sah den totalitäten Staat, eine Diktatur mithilfe von Propaganda. Huxley jedoch sah ein Technikparadies, in dem das Leben leicht und oberflächlich ist und deshalb bedeutungslos wird. Neil Postman glaubt, dass wir zu lange auf die Gefahr einer Orwellschen Dystopie geachtet und darüber die Gefahr der Dystopie von Huxley übersehen haben: Wir amüsieren uns zu Tode.

Als Gegenmittel schlägt er ein geschultes, kritisches Medienbewusstsein vor, das schon in der Schule und auch im Fernsehen vermittelt werden sollte.

Neil Postmans Buch ist immer noch lesenswert, auch wenn wir heute mit dem Internet schon die nächste Medienrevolution vollziehen, weil es die Aufmerksamkeit auf eine tiefere Dimension der Medienproblematik lenkt. Insbesondere ist aber die Schilderung der vergangenen Lesekultur des 19. Jahrhunderts so eindrücklich, dass der Vergleich von damals zu heute bei jedem Leser zu einem bleibenden Maßstab und zu einer bleibenden Mahnung wird.

Ergänzungen

Ein kritisches Medienbewusstsein ist sicher hilfreich, aber Rationalität allein wird nicht helfen. Vor allem müssen die Menschen bei einer Lesekultur des gedruckten Wortes bleiben, und nicht nur neue Medien konsumieren. Dazu brauchen die Menschen noch ganz andere Antriebe. Die Lesekultur ist insbesondere im Kindesalter massiv zu fördern, über Schule und Elternhaus. Eltern sind in dieser Sache direkt anzugehen. Darüber hinaus muss Propaganda in allen gesellschaftlichen Bereichen dafür gemacht werden, dass Lesekultur nach wie vor auf der Höhe der Zeit und intelligent ist (was sie ja tatsächlich ist), mithin also „angesagt“ und „erwünscht“, weil tatsächlich überlegen ist. Lesekultur muss ein Statussymbol sein, und es muss ein Statussymbol quer durch alle gesellschaftlichen Schichten sein. Belesenheit muss überall als Auszeichnung vor anderen verstanden werden, die keine Belesenheit aufweisen können. Auf diese Weise übernehmen die Menschen die Lesekultur so wie jede andere Mode des Zeitgeistes auch.

Internet: Die Eigenschaften des Mediums Internet hat Neil Postman nicht mehr vorhersagen können, aber für das Internet gilt zunächst grundsätzlich dasselbe wie für das Fernsehen. Das Internet hat jedoch eine Eigenschaft, die das Fernsehen nicht hatte: Der Rezipient emanzipiert sich von den Inhalteerstellern. Wer zu wählen weiß, gewinnt, wer nicht, verliert gegenüber dem herkömmlichen Fernsehen. Auch für diese Problematik ist die Schaffung eines kritischen Medienbewusstseins erforderlich, und auch für diese Problematik ist eine gediegene Lesekultur die beste Lösung.

Eine gediegene Lesekultur wird dabei immer beides sein: Pure Lust am Lesen und die Vermittlung klassischer Bildung. Neben Romanen und Krimis also auch die Klassiker der Weltliteratur sowie Sachbücher über Philosophie, Geschichte, Politik u.v.a. Themen.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon im November 2021; die Rezension ist dort inzwischen verschwunden)