Schlagwort: religiöse Reformen

Mark A. Gabriel: Islam und Terrorismus – Was der Koran wirklich über Christentum, Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt (2002)

Gutes Buch – Schlechtes Buch – Differenzierung

Das Buch von Mark A. Gabriel beschreibt den Islam in hervorragender Weise. So erscheint es jedenfalls zunächst. Von den Anfängen mit Mohammed, der ein blutrünstiger und mörderischer Kriegsherr war und befahl, die ganze Welt zu erobern. Von den zahllosen Versen im Koran, die zu Gewalt und Mord aufrufen. Vom Dschihad als Angriff und Unterwerfung. Von der Lehre der Abrogation, derzufolge „milde“ Verse durch spätere Gewaltverse überschrieben werden. Von der Tötung der Apostaten. Von der Unterdrückung der Frauen. Von der Sklaverei. Von der Lehre, dass Muslime lügen dürfen, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Es wird nichts ausgelassen.

Und ja: Diesen Islam, den Mark A. Gabriel hier beschreibt, den gibt es wirklich. Wir sehen ihn überall. Wir erleben ihn überall. Westliche Islamverbände versuchen, das Bild weich zu zeichnen, doch es ist offensichtlich, dass sie nur verschleiern wollen, was unter der Decke wirklich stattfindet. Es ist falsch, wenn unsere Politiker sagen, es sei nur der Islamismus, während „der Islam“ völlig harmlos sei. Nein, es ist nicht nur der Islamismus. Es ist auch der traditionelle Islam. Es ist auch der Traditionalismus, nicht nur der Islamismus.

Als Warnung vor einer echten Gefahr ist dies ein wirklich gutes Buch.

Warum ist es dennoch ein schlechtes Buch?

Ein Vergleich mag zeigen, warum dies ein schlechtes Buch ist. Stellen wir uns einen Beobachter des Christentums vor, der im Jahr 1500 beschreibt, was er sieht.

Er sieht eine totalitäre Weltkirche, vom Papst diktatorisch beherrscht. Diese Kirche rechtfertigt die Herrschaft von Königen und Adligen über die Menschen als gottgewollt. Bauern leben praktisch wie Sklaven unter ihren Herren. Frauen sind ihren Männern untertan und müssen ihr Haupt bedecken. Hexen und Ketzer werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Juden müssen in Ghettos leben. Hin und wieder kommt es zu einem Judenpogrom. Die arme Bevölkerung wird über den Ablasshandel weiter ausgepresst. Christliche Heere erobern blutig das neu entdeckte Amerika. Bei der Ausbreitung des Christentums wird nicht zimperlich vorgegangen. Große Teile der Indio-Bevölkerung kommen ums Leben, der klägliche Rest wird versklavt. Die Indio-Kultur wird ausgelöscht, denn sie gilt als gottlos. Reformer wie Jan Hus wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einzelne Reformstimmen wie z.B. Erasmus von Rotterdam bleiben ungehört. Auch der Reformer Martin Luther wird bald für vogelfrei erklärt werden.

Wir sehen wahrlich kein gutes Bild des Christentums. Der Beobachter hat aber einen Punkt: Die Beschreibung ist nämlich nicht falsch. Alles das gab es im Jahr 1500 wirklich. Das Christentum war damals in keinem guten Zustand.

Wenn der fiktive Beobachter des Jahres 1500 jetzt sagen würde: Seht, so ist das Christentum! So war es immer. So wird es immer sein. Denn das steht ja auch alles in der Bibel: Der Papst, die Kirche, das Verhältnis zu den Juden, die Unterdrückung der Frauen, die Verbrennung der Hexen: Es steht alles im heiligen Buch der Christen und kann niemals geändert werden! Denn die Bibel ist Gottes Wort! – Wäre das ein gerechtes, ein faires, ein gutes Urteil über das Christentum? Die Antwort ist klar: Nein, das wäre es nicht.

Wo liegen die Denkfehler des fiktiven Beobachters?

Der Beobachter des Jahres 1500 hat völlig vergessen, dass das Christentum in den letzten 1500 Jahren auch ganz anders war als das Christentum, das er in seiner Gegenwart erlebt. Der Beobachter irrt, dass die Zustände des Jahres 1500 alle in der Bibel festgeschrieben stehen. Das war nur die Deutung (!) des Bibeltextes im Jahr 1500 durch die Kirche. Doch der Text der Bibel selbst sagt so etwas nicht unbedingt. Und nicht zuletzt unterschätzt der Beobachter die Reformer völlig.

Der Beobachter ist völlig der falschen Suggestion der Traditionalisten erlegen, dass das alles schon immer so war und immer so sein müsse. Diesen Irrtum nennt man Traditionalismus. Traditionalismus ist kein Konservativismus. Konservativismus kann auf der Grundlage der Vernunft auch neue Deutungen akzeptieren. Traditionalismus ist ein Festhalten und Festklammern an einer mittelalterlichen Vorstellung von Kirche und Religion gegen jede Vernunft.

Die Fehler des Mark A. Gabriel

Und genau diese Fehler begeht auch Mark A. Gabriel bei seiner Beschreibung des Islam. Es ist einfach falsch, dass alle diese Lehren im Koran festgeschrieben stehen würden. Der Koran ist ein höchst widersprüchliches Buch, in dem Gebote zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Gastfreundschaft direkt neben Tötungsbefehlen stehen. Viele angebliche Lehren des Koran stehen auch gar nicht im Koran, sondern in der Hadith-Literatur, die erst Jahrhunderte nach Mohammed aufgezeichnet wurde. Kann man diese Texte auch anders deuten als der aktuell vorherrschende Islam? Aber natürlich kann man das! Mark A. Gabriel ist der Suggestion der Traditionalisten erlegen.

Und die Lehren des Koran sind in der Vergangenheit tatsächlich auch vielfach anders gedeutet worden. Mark A. Gabriel unterschlägt völlig die lange und windungsreiche Geschichte des Islam und tut so, als wäre der Islam in 1400 Jahren völlig unverändert geblieben. Schon wieder ist er der Suggestion der Traditionalisten erlegen! Keine Religion bleibt über 1400 Jahre unverändert. Das sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen.

Bereits die Anfänge des Islam waren ganz anders, als die Traditionalisten es sich vorstellen. Die historisch-kritische Forschung zeichnet heute ein völlig anderes Bild der Anfänge des Islam als die traditionellen Überlieferungen, die erst Jahrhunderte nach Mohammed erstmals aufgezeichnet wurden. Mohammed war kein blutrünstiger Kriegsherr, und er wollte auch gewiss nicht die Welt erobern. Dann gab es auch eine Phase, in der sich der Islam auf der Grundlage der antiken Philosophie dem Rationalismus zuwandte (Mutazila) und höchst moderne Lehren vertrat. Dschihad wurde von manchen Gelehrten klar auf einen Verteidigungskrieg beschränkt, und zwar im Einklang mit der Kriegslehre Platons im Dialog Nomoi. Es ist derselbe Platon, der auch Grundlage der europäischen Kultur ist. Nicht zu vergessen die Reformbemühungen im Islam seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, die mit viel Optimismus bis zum Ersten Weltkrieg vorangetrieben wurden. Erst die Reaktion auf die Eroberung der arabischen Welt durch Briten und Franzosen brachte die Reformbemühungen zu einem Ende, und es entstand der politische Islam, der Islamismus, wie wir ihn heute kennen. Seitdem wird der Islam von Traditionalisten und Islamisten beherrscht.

Mark A. Gabriel ist auch ungerecht, wenn er dem Islam das Christentum als bessere Religion gegenüberstellt. Manche sagen z.B., Jesus wäre friedliebend gewesen, so dass er auch die andere Wange hinhielt und lieber ans Kreuz ging. Ein solcher Religionsgründer ist jedoch genauso problematisch wie ein blutrünstiger Kriegsherr. Denn es ist das andere Extrem. Wer das Böse gewähren lässt, wird keine gerechte Gesellschaft errichten können. Aber kein christlicher Islamkritiker verschwendet einen Gedanken auf dieses ernste Problem.

Wer jetzt einwendet, dass Jesus und das Neue Testament gar nicht so friedliebend sind, wie viele meinen, hat vielleicht Recht, gibt aber damit gleichzeitig zu, dass vorherrschende Deutungen auch falsch sein können. Und natürlich entstehen mit einem nicht-friedlichen Jesus neue Probleme: Bis hin zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, weil Jesus sagte, er bringe keinen Frieden, sondern das Schwert. Ja, so wurden die Kreuzzüge theologisch begründet, so falsch das auch gewesen sein mag: Das war die damals vorherrschende Deutung.

Wenn wir an die Emanzipation der Frau denken, dann ist diese in den christlichen Ländern noch keine 100 Jahre her, und die kirchliche Akzeptanz der Gleichberechtigung vielleicht erst 50 Jahre her, und das in 2000 Jahren Geschichte des Christentums. Auch die Sklaverei wurde von den Christen lange nicht abgeschafft, sondern erst um 1800. Da hat sich das Christentum aber sehr lange Zeit gelassen, seine guten Seiten zu zeigen, könnte man sagen!

In Wahrheit waren die Abläufe ja auch ganz anders: Es sind Humanismus und Aufklärung, die sich der Wiedergeburt der philosophischen Ideen der Antike verdanken, die ab 1500 zu greifen begannen. Christliche Humanisten und Aufklärer haben das Christentum zu Reformen gebracht, und zwar immer wieder gegen den Willen der Traditionalisten in der Kirche. So entstand schrittweise das menschenfreundliche Christentum, wie wir es heute kennen. Ein menschenfreundliches Christentum konnte glaubwürdig entstehen, weil die Anfänge des Christentums anders waren, als man um 1500 dachte. Also genau derselbe Vorgang, den auch der Islam in der Zeit der Mutazila und bei anderen Gelegenheiten erlebt hat und noch in Zukunft erleben könnte.

Was die aktuellen Reformbewegungen im Islam anbelangt, schweigt Mark A. Gabriel völlig. Das ist natürlich ein totales Versagen. Gewiss, diese Reformbewegungen ändern am schlechten Gesamtbild des aktuellen Islam erst einmal nicht viel. Aber es wäre ein großer Fehler, sie nicht im Auge zu behalten. In Marokko z.B. wurde die Lehre von der Tötung von Apostaten vom höchsten Fatwa-Rat abgeschafft. Und zwar mit einer historisch-kritischen Begründung: Die entsprechenden Aussagen im Koran beziehen sich nach Meinung des Fatwa-Rates auf eine Kriegssituation, und was an dieser Stelle mit dem Tod bestraft wird, ist nicht der Abfall vom Glauben, sondern der Hochverrat im Krieg. Eine logisch und historisch schlüssige Argumentation, die Schule machen könnte. Mit Argumenten dieser Art wurde auch das Christentum reformiert. Es wäre ganz falsch, solche Reformbewegungen einfach zu ignorieren. Hier kann sehr schnell aus etwas Kleinem etwas Großes werden.

Völlig verrückt ist auch der Lösungsvorschlag von Mark A. Gabriel: Die Muslime sollen zum Christentum bekehrt werden, meint er. Natürlich darf ein Christ Muslime bekehren wollen, aber wie realistisch ist es, das als große Lösung für das Problem zu verkaufen?! Es ist bestenfalls eine sehr, sehr kleine Teillösung.

Zusammenfassung

Mark A. Gabriel hat einen richtigen und wichtigen Punkt: Der Islam in seinem aktuellen Zustand, der von Traditionalisten und Islamisten beherrscht wird, ist eine echte Gefahr.

Es wäre aber ganz falsch zu sagen, dass „der Islam“ so sei, und dass Islamreformer praktisch ignoriert werden könnten, weil das nur Traumtänzer seien. Damit wirft man den Reformern Knüppel zwischen die Beine, schlägt allen gutwilligen Muslimen die Tür vor der Nase zu und treibt die Muslime in die Arme von Traditionalisten und Islamisten. Das ist selten dämlich.

Beim Islam muss natürlich zweigleisig vorgegangen werden: Einerseits muss man gegen Islamismus und Traditionalismus vorgehen. Andererseits muss man gutwilligen Muslimen die Möglichkeit eröffnen, einen reformierten Islam zu entwickeln. Eine pauschale Verurteilung des Islam verbietet sich deshalb genauso wie eine pauschale Verharmlosung des Islam. Was verurteilt werden muss sind Islamismus und Traditionalismus, nicht „der Islam“, auch wenn dieser aktuell von Islamismus und Traditionalismus beherrscht wird.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

Thomas Paine: The Age of Reason (1794/95/1807)

Amazingly modern criticism of religion in the age of the Enlightenment

Thomas Paine presented with „Age of Reason“ a criticism of Christianity which is based upon inconsistencies and other problems within the Bible. Here, 200 years before the development of „historical criticism“, Thomas Paine puts forward amazingly modern arguments. Furthermore, Thomas Paine rises some philosophic arguments of greater depth: First, that reason and abstract thinking is the way to real truth (he compares the truth of Euclid’s elements to the truth of the Bible!), then, that morals is based in ourselves, and not in beliefs from books. Immanuel Kant is not far from this.

Thomas Paine does not only criticise Christianity but every other religion, too. And what is more, he presents an alternative: Deism, the belief in one god based on the true word of god which is for Thomas Paine the creation itself, and science to read in this „book“.

Unfortunately, Thomas Paine is too angry and disrespectful towards believers and priests. He fails to realize their psychology and thus, the book is valuable more for ex-believers than for believers still to be convinced. Especially the realization, that historical criticism does not necessarily lead to a full devaluation of a religion but rather to its reform and renewal based on reason, is totally absent in his book.

The edition of Cosimo Classics is terrible: All the footnotes are incorporated into the fluent text, they are no footnotes any more! Every other page you have to think about, where your sentence stops, a footnote suddenly begins, and where your sentence continues! This is modern computerized book publishing as it should not be!

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 17. August 2013)

Thilo Sarrazin: Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht (2018)

Sarrazins „Schwarze Legende“ des Islams stimmt so einfach nicht

Zum Islam gibt es eine „Schwarze Legende“. Sie besagt, dass der Gründer des Islam ein blutrünstiger Kriegsherr war, der rücksichtslos ganze jüdische Völkerschaften abschlachtete. Der Koran rufe zur Tötung der Ungläubigen u.a. schlimmen Dingen auf. Die ganze islamische Geschichte sei eine durchgängige Orgie von Gewalt, Sklaverei und Krieg. Dieser „Schwarzen Legende“ zufolge ist der Islam im Kern böse und nicht reformierbar, denn bereits der Gründer des Islam wäre ein böser Mensch gewesen, und die bösen Dinge stünden unmissverständlich im Koran. Und diese „Schwarze Legende“ macht sich nun auch Thilo Sarrazin zu eigen.

Koran und Mohammed

Sarrazins Koraninterpretation ist denkbar schwarzgemalt. Weniger, weil Sarrazin bewusst schwarz malt, sondern weil er einfach nicht gebildet genug ist, um die Untiefen der Koraninterpretation zu kennen.

Eine historisch-kritische Interpretation nennt Sarrazin zunächst grundsätzlich sinnvoll (S. 24), aber dann wird deutlich, dass das wohl nur eine vorgeschobene Schutzbehauptung gegen Kritiker ist. Denn in Wahrheit hält Sarrazin eine historisch-kritische Deutung für eine FALSCHE Deutung, denn er unterstellt ihr, die Botschaft des Koran in ihr „Gegenteil“ zu verdrehen (S. 205). Wer so denkt, hat die historisch-kritische Methode nicht verstanden! Die Traditionalisten sind es, die die Botschaft im Laufe der Zeit in ihr Gegenteil verdreht haben! Die historisch-kritische Methode will das Original hinter den Verdrehungen zurückgewinnen.

Die historisch-kritische Methode lehrt uns, dass die Anfänge des Islam anders waren, als es sich die Traditionalisten vorstellen. Der Koran sagt über Mohammed praktisch nichts und enthält viele zusammenhanglos dastehende Sätze, die sehr leicht so oder so interpretierbar sind. Die Prophetenbiographie von Mohammed, in der die eigentlich schlimmen Dinge stehen, wurde jedoch erst 150-200 Jahre nach Mohammed geschrieben und ist in vielen Punkten nachweislich falsch. Davon weiß Sarrazin aber nichts!!! (S. 46 f.). Insbesondere die Judenschlächtereien haben so niemals stattgefunden, sondern sind eine spätere Konstruktion, um die Juden aus der Umma herauszudrängen, zu der sie zu Mohammeds Zeit dazu gehörten. Und anders als der Koran gilt die Prophetenbiographie nicht als von Gott geoffenbart, was ihre Kritik sehr erleichtert. Der Islam kann genauso wie das Christentum mithilfe der historisch-kritischen Methode reformiert werden.

Sarrazin wendet außerdem ein, dass im Zeitalter der Massenmedien nur noch die wörtlichen Interpretationen von Texten gelten würden, nicht mehr die Interpretationen von (Reform-)Gelehrten (S. 56). Und dann sähe es für den Koran schlecht aus. Was für ein Unfug! Die verbreitete Wahrnehmung von Texten wie z.B. Verfassung, Koran oder Bibel (oder Sarrazins Bücher!) wird durch Schule und Medien bestimmt, nicht durch Eigenlektüre Einzelner. Wenn Sarrazin Recht hätte, wie erklärt er dann, dass Christinnen im Zeitalter der Massenmedien nicht mit Kopftuch rumlaufen und sich dem Manne untertan machen? So steht es nämlich im Neuen Testament, wenn man es nur wörtlich liest.

Geschichte des Islam

Im Goldenen Zeitalter des Islam rezipierte die islamische Welt die antiken Denker und schlug einen rationalistischen Weg ein. Zur gleichen Zeit ging es in der christlichen Welt ziemlich barbarisch und ungebildet zu. Später tauschten islamische und christliche Welt die Rollen. Auch die christliche Welt wurde erst modern, als sie die antiken Denker rezipierte, und auch für die christliche Welt gibt es keine Garantie, dass die Moderne von Dauer ist. Es ist falsch zu glauben, dass das Christentum immer top, und der Islam immer flop waren. Diese Dinge sind veränderbar!

Die Reformen des Islam haben bereits im 19. Jahrhundert begonnen. Aber Sarrazin weiß davon nichts!!! Die Namen Dschamal ad-Din al-Afghani und Muhammad Abduh kommen in seinem Buch nicht vor. Viele islamische Länder waren mittlerweile z.B. sozialistische Länder. In Persien griff der Schah auf die vorislamische Tradition zurück. Heute zeigt man Fotos, wie man in den 1960er Jahren in vielen islamischen Ländern in westlicher Kleidung ohne Kopftuch herumlief. Der Wandel zum Kopftuch geschah nicht vor 1400 Jahren, sondern erst in den letzten Jahrzehnten, und so schnell dieser Wandel gekommen ist, so schnell könnte er auch wieder umgedreht werden, denn die ungebrochene Verwurzelung seit 1400 Jahren gibt es schlicht nicht.

Es ist einfach falsch, dass der Islam ein unveränderlicher, seit 1400 Jahren gleich gebliebener Monolith wäre. Die Anfänge waren anders. Das Goldene Zeitalter war anders. Die 1960er Jahren waren für uns alle erfahrbar anders. Es ist offensichtlich, dass es mit dem Islam auch anders geht.

Um 1900 sprach man vom Katholizismus genauso wie Sarrazin jetzt vom Islam. Der katholische Glaube sei rückständig, behindere den Fortschritt, und sei nicht reformierbar. Die ganze Kirchengeschichte sei eine einzige Orgie von Gewalt gewesen: Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Inquisition. Heute würde kein Mensch mehr so von der katholischen Kirche reden, sofern er bei Trost ist. Allerdings gilt: Ohne Reformen geht es nicht.

Reformpotential des Islam

Wie viele radikale Islamkritiker wartet Sarrazin passiv darauf, dass die Islamreformen sich quasi „von selbst“ vollziehen. Wenn dann nichts passiert, fühlt er sich bestätigt. Außerdem verweist Sarrazin darauf, dass Islamreformer unter Polizeischutz stehen, oder nach dem westlichen Staat als Helfer rufen (S. 207). Daraus schließt Sarrazin, dass Reformen derzeit Wunschdenken sind.

Zunächst ist es ganz falsch, dass von Reformern nicht viel zu sehen wäre. Man muss es aber auch sehen wollen, denn westliche Medien berichten davon nicht auf Seite 1. Immer mehr und mehr Politiker, Religionsgelehrte und Intellektuelle tauchen auf, die etwas bewegen wollen. Reformen werden im arabischen Fernsehen offen debattiert. In Marokko wurde sogar das Gebot zur Tötung von Apostaten historisch-kritisch hinterfragt und vom Rat der Religionsgelehrten (also von Theologen mit einer theologischen Argumentation!) für irrig erklärt. Es tut sich sehr wohl etwas.

Auch Martin Luther überlebte nur, weil er unter „Polizeischutz“ stand. Gewirkt haben seine Reformen trotzdem. Weil der Staat ihm half.

Überhaupt ist es eine Illusion zu glauben, religiöse Reformen würden sich praktisch „von selbst“ vollziehen. Das war noch nie so. Erst recht nicht bei jenen Islamverbänden, die vom Ausland her bei uns gerade zu dem Zweck gegründet worden sind, um Reformen und Integration zu verhindern! Schon immer hat die Politik Einfluss auf die Religion genommen, schon immer war es eine Frage von Macht und Geld. Es ist also völlig plausibel und richtig, davon auszugehen, dass die westliche Welt einen ganz erheblichen Beitrag zu Reformen leisten kann, indem sie Reformer aktiv fördert und Traditionalisten aktiv deckelt. Auf ihrem eigenen Territorium kann die westliche Welt das mit Leichtigkeit und mit gutem Recht, denn der islamische Traditionalismus ist schlicht verfassungsfeindlich. Aber auch in Nahost: Angefangen von Wirtschaftsbeziehungen, über Geheimdienstaktionen bis hin zu militärischem Druck.

Es ist eine politische Grundsatzfrage, ob wir als westliche Welt diese Reformen anschieben helfen wollen oder nicht. Es ist in etwa so wie damals, als die ersten Demokratien in Europa den Bürgern in anderen europäischen Staaten halfen, ebenfalls zur Demokratie zu gelangen. Selbstverständlich sollten wir das tun, es ist in unserem eigenen vitalen politischen Interesse!

Die Maßnahmen Sarrazins

Bei praktischen Maßnahmen ist Sarrazin wie immer zurückhaltender, als die Analyse vermuten lässt. Hier findet sich auch viel richtiges. Neben bekannten Punkten, wie einer Reform der Sozialsysteme, einer klugen Zuwanderungspolitik, oder einer stärkeren Betonung der Integration in die deutsche Gesellschaft (Sarrazin muss natürlich von „Assimilation“ sprechen), findet sich vor allem auch das hier:

Sarrazin möchte die verbliebenen Staatskirchenprivilegien der christlichen Kirchen abschaffen! Weil sie sich überlebt haben. Das ist im Grundsatz richtig. Damit werden dem Islam automatisch die Schaffung ähnlicher Strukturen verweigert. Insbesondere möchte Sarrazin den konfessionellen Religionsunterricht an den Schulen abschaffen, und für alle Kinder eine Religionskunde einführen, in der ein liberales Islambild gezeichnet wird (wie passt das mit seiner Analyse des Islam zusammen?). Islamtheologische Lehrstühle an den Universitäten findet Sarrazin im Grundsatz richtig, wenn sie nicht traditionalistisch besetzt sind.

Fazit

Sarrazin gehört jetzt auch zu denen, die die „Schwarze Legende“ des Islam verkünden. Diese besteht vor allem in der Idee, dass es für das Islam-Problem KEINE Lösung gäbe, weil religiöse Reformen nicht möglich wären.

Damit liegt Sarrazin erstens sachlich falsch, und zweitens führt der Ausschluss einer Lösung des Islam-Problems zwangsläufig zu einem ungerechten Pauschalurteil über den Islam. Und das ist für eine Integration der Muslime äußerst schädlich: Sarrazin treibt potentiell liberale Muslime in die Arme der Traditionalisten!

In vielen Einzelfragen und vorgeschlagenen Maßnahmen hat Sarrazin zwar Recht, aber er verdirbt auch die guten Gedanken in seinem Buch durch die alles überwölbende Schwarzmalerei.

Alternative Buchempfehlungen

  • Tom Holland: Mohammed, der Koran und die Entstehung des arabischen Weltreichs. (Was wirklich am Anfang des Islam geschah.)
  • Prof. Hans Jansen: Mohammed, eine Biographie. (Jansen geht so weit, die Existenz von Mohammed infrage zu stellen. Davon abgesehen aber ein sehr lehrreiches Buch.)
  • Seyran Ates: Der Multikulti-Irrtum.
  • Ahmad Mansour: Generation Allah, und: Klartext zur Integration.
  • Mouhanad Khorchide: Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion.
  • Wikipedia: „Liberale Bewegungen im Islam“.

Warnung an Sarrazin-Gegner

Man löst die Probleme nicht, indem man die Schwarzmalerei von Sarrazin ablehnt. Der Kuschelkurs gegenüber dem Islam kann nicht fortgesetzt werden. Gerade die falsche Toleranz ist es, die zu dem worst case Scenario im Sinne Sarrazins führt. Das darf nicht geschehen!

Es müssen jetzt Zuckerbrot und Peitsche ausgepackt werden, damit der Islam in Europa eine ähnliche Reformentwicklung nimmt wie das Christentum. Reformer müssen massiv gefördert, Traditionalisten müssen effektiv gedeckelt werden. Und für die islamische Welt muss auf allen Ebenen (Wirtschaft, Kulturaustausch, Diplomatie, Enwicklungshilfe, Geheimdienste, Militärischer Druck) intensiv daran gearbeitet werden, dass sich Reformkräfte durchsetzen.

Kurioses

Sarrazin interpretiert den Koran recht schwarz und lehnt eine historisch-kritische Lesart ab, aber in einer Frage ist er völlig auf der Spur der historisch-kritischen Interpretation: Vom Kopftuch stehe nichts im Koran, meint Sarrazin! (S. 44) Recht hat er.

Selbstwiderspruch: Auf S. 28 meint Sarrazin, der Islam sei keine komplizierte Religion und verlange nicht viel vom Gläubigen. Auf S. 47 wird der Islam als kompliziertes System von Regeln für jede Tätigkeit beschrieben, die sich aus den Hadith ableiten. Dieser Widerspruch steckt bereits im islamischen Traditionalismus drin, und Sarrazin hat ihn wohl einfach übernommen, ohne zu merken, dass dieser Selbstwiderspruch geradezu nach einer religiösen Reform schreit.

In Sarrazins allererstem Buch „Deutschland schafft sich ab“ stand auf S. 268 f. ein ziemlich kluger Satz, dessen Weisheit Sarrazin leider verlassen hat:

„Liberale Muslime wehren sich dagegen, ‚dem Islam‘ als solchem bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, und damit haben sie Recht. … Leider ist aber nicht zu bestreiten, dass unter den vielen teils uneindeutigen, teils widersprüchlichen Strömungen des Islam ein Gesellschaftsbild dominiert, bei dem die Trennung von Religion und Staat weitgehend noch nicht angekommen ist, die Gleichberechtigung der Geschlechter kaum existiert … Der innerislamische Krieg zwischen Okzidentalismus und Antiokzidentalismus ist noch in vollem Gange, sein Ausgang ungewiss.“

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. September 2018)