Kategorie: Roman (Seite 16 von 17)

Denis Diderot: Rameaus Neffe – Ein Dialog. Übersetzt von Johann Wolfgang von Goethe (1805)

Viel Lärm um Nichts: Eine Groteske

Weil Goethe dieses Werk von Diderot übersetzte, denkt man, daran müsse doch etwas besonderes sein. Doch es ist nichts besonderes. Es ist im Wesentlichen die Rede eines durchaus talentierten Dummschwätzers, Einschmeichlers und Taugenichts, der seine eigene Unmoralität als Cleverness verkauft, und in geradezu kindlicher Einfalt gar nicht verstehen will, wie jemand Gewissensbisse haben kann. Das ist nichts neues. Der moralische Standpunkt hatte es gegenüber allzu „praktischen“ Menschen schon immer schwer, die Literatur dazu ist umfangreich. Dazu erfährt man eine Menge über die damalige Pariser Gesellschaft, über Musik, und es sind auch einige interessante Passagen dabei, wie der Dummschwätzer sich pantomimisch betätigt.

Die Rezeption (Hegel, Foucault u.a.) hat dieses Werk offenbar so verstanden, dass hier ein genialer Irrer die Vernunft aus den Angeln hebt. So jedenfalls das Nachwort. Dass also der Irre der wahrhaftige Mensch ist, weil er ehrlich sei, während die Vernunft (so muss man dann wohl schließen) sich selbst betrüge. Was für ein Blödsinn. Es ist dasselbe Spielchen wie zwischen Feierabend und Popper: Natürlich muss die Vernunft sich schärfen und genauer und gewitzter sein als eine mittelalterliche Scholastik. Aber es ist am Ende doch die Vernunft, die einzig bleibt und hilft. Wer sich hingegen gegen die Vernunft setzt, sitzt in der Tinte. Und so ist es auch hier.

Goethe wird dieses Werk wohl übersetzt haben, weil das Geschwätz des Dummschwätzers sprachlich eine Herausforderung ist, und weil man darin viel über die damalige Pariser Gesellschaft erfährt. Aber wohl kaum, um die Anti-Rationalität eines Irren zu verherrlichen. Wie Goethe in den Nachbemerkungen selbst schreibt, ging es ihm vor allem auch um den Vorfall um das Stück „Die Philosophen“ von Palissot, das von Diderot in diesem Buch nebenbei verrissen wird. Goethe stellt zudem die Meinung Voltaires dazu bei. Das ist dann auch für den modernen Leser noch interessant. Am Rande erfährt man, und man sieht es selbst in dieser zweisprachigen Ausgabe, dass Goethe immer genau übersetzte. Das gefällt.

Was diesem Buch fehlt, ist ein Vorwort. Der Leser wird unvorbereitet in den endlosen und verwirrenden Redeschwall des Dummschwätzers gestürzt, und stolpert von einer Assoziation zur nächsten, ohne bis zum Ende des Buches so recht zu wissen, was er von dem Ganzen eigentlich halten soll. Goethe skizziert in seinen Nachkommentaren die damalige Pariser Gesellschaft, und den Vorfall um „Die Philosophen“. Aber dazu das ganze Buch? Nun ja.

Es ist eher eine Groteske. Ja, Groteske trifft es ganz gut. Eine Groteske, anhand derer man diverse Themen durchspielen kann, die jedes für sich interessant ist. So war es wohl auch von Diderot gedacht. Da man die vielen Anspielungen heute als Normalsterblicher nicht mehr entschlüsseln kann, funktioniert es nicht mehr. Es ist, wie wenn man ein Kabarettstück über aktuelle Tagespolitik von heute in hundert Jahren ansehen würde. Und eine große Botschaft, die dem Werk als Ganzem einen Sinn verleihen würde, kann man auch nicht erkennen. Es ist eine Groteske, es ist als Gesamtwerk grotesk, und es heute als Normalsterblicher zu lesen ist ebenfalls nur grotesk. Es ist kein Buch, das man gelesen haben müsste, wahrlich nicht.

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichtung auf Amazon am 15. April 2017)

Paolo Cognetti: Acht Berge (2016)

Gelebtes Leben, aber ohne Sinn und Ziel

Im Roman „Acht Berge“ von Paolo Cognetti geht es um Pietro, der als Kind von seinen Eltern immer wieder mit in die Berge genommen wird, wo sie ganze Sommer lang in einem halb verfallenen Bergbauerndorf in den italienischen Alpen leben und hohe Berge besteigen. Pietro freundet sich dabei mit dem Bergbauernsohn Bruno an. Die erste Hälfte des Romans dreht sich um diese Kindheitserinnerungen und die Eltern, um das Erwachsenwerden und den Tod des Vaters. Auf einem Grundstück hoch oben im Tal, das der Vater Pietro hinterlässt, bauen Bruno und Pietro eine einfache Berghütte. Bis hierhin ist es ein typischer Familienroman, der dem Leser vielerlei Möglichkeiten zur Identifikation bietet. Auch die Beschreibung des Lebens in den Alpen ist gut gelungen.

Doch dann entwickeln sich die Dinge zum Schlechten. Pietro studiert nicht, wie es sein Vater gewollt hatte, sondern lebt ein armes Leben als Filmemacher. Sinn- und ziellos irrt er durch die Welt und kommt dabei auch nach Nepal, wo er wiederum Berge besteigt. Frauen lässt er nur kurzzeitig in sein Leben. Eine davon wird später zur Gefährtin von Bruno. Bruno baut hoffnungsfroh eine Käserei auf und handelt damit erfrischend konstruktiv. Zusammen mit der ehemaligen Freundin von Pietro hat er ein Kind. Doch die Käserei geht pleite, ein konstruktiver Umgang mit dem Versagen unterbleibt, und die Partnerschaft zerbricht. Pietro spielt Seelentröster, ändern tut das aber nichts. Später wird Bruno in den Bergen vermisst. Vermutlich Suizid.

Alles in allem ein Roman, der eine überraschend deprimierende Wendung nimmt, und das ohne jeden Sinn und Zweck. Was will dieser Roman sagen? Wir bekommen Charaktere vor Augen geführt, die aus eigener Schuld versagen. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass der Romanautor möchte, dass man darin doch noch einen Sinn erblickt – dass wir diese Versager und ihr gelebtes Leben irgendwie doch noch anerkennen. Dem muss sich der aufgeklärte Leser jedoch konsequent verweigern. Überzeugend ist einzig die Nebenfigur der Freundin, die einen der beiden nach dem anderen – aus guten Gründen – verlässt, und mit Kind ihr eigenes Leben vernunftgeleitet lebt.

Auch dramaturgisch ist das Buch misslungen. Die Verknüpfung der nepalesischen Legende von den Acht Bergen mit der Handlung bleibt höchst unklar. Die Legende stellt die Frage, ob die Besteigung des Heimatberges oder die Besteigung von acht fernen Bergen die größere Tat ist. Doch hier hat keiner der beiden „seinen“ Berg wirklich bestiegen. Nach dem Tod von Bruno wird eine dünne Verbindungslinie zu Pietros Vater gezogen, der ebenfalls nicht zu den Bergen seiner Jugend zurückkehren wollte, wegen dunkler Erinnerungen. Mehr als ein einziger Satz wird dazu aber nicht gesagt. Ganz am Ende ist dann noch von einem Geheimnis die Rede, dass es zwischen Bruno und Pietro gegeben hätte. Der Leser ist ratlos.

Bewertung: 3 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 06. März 2022)

Martin Mosebach: Westend (1992)

Frankfurter Buddenbrooks: Leben und Fall zweier Familien im Westend 1945-1960

Der Roman „Westend“ hat gewisse Ähnlichkeiten zu Thomas Manns „Buddenbrooks“. Es wird das Leben und der Verfall zweier alteingesessener Frankfurter Familien von ca. 1945 bis 1960 beschrieben.

Handlung

Da ist zum einen die Familie Labonté, die aus zwei Tanten und dem elternlosen Großneffen Alfred besteht, den die beiden großziehen. Diese Familie repräsentiert die Tradition. Im Haus Labonté scheint die Zeit stehen geblieben. Vom Mobiliar über die Lieblingsbeschäftigungen der Tanten bis hin zur Haushälterin Fräulein Emig ist alles so wie zu Kaisers Zeiten, als die Welt „noch in Ordnung“ war. Man fühlt sich an Joseph Roths „Radetzkymarsch“ erinnert. – Zum anderen ist da die Familie Olenschläger-Has: Die verstorbene Patriarchin Olenschläger hat den Vetter Fred Olenschläger zum Verwalter des Familienvermögens bestimmt, von dem der Haupterbe Eduard Has nur Renten ausgezahlt bekommt.

Die Familie Labonté entwickelt sich bürgerlich und abwartend. Im wesentlichen sieht man Alfred älter werden und seine Beobachtungen machen. – Eduard Has hingegen treibt es toll: Er luchst dem Kunsthändler Guggisheim die Ehefrau Dorothée ab (bzw. sie läuft zu ihm aus gewissen Gründen über), baut mithilfe von Guggisheim eine bedeutende Sammlung expressionistischer Gemälde auf, und lässt die alte Familienvilla im Westend abreißen und durch einen modernen, kalten Glastempel ersetzen, in dem er die Sammlung aufhängt. Nebenher hat er ein Verhältnis mit Etelka, der verstoßenen Ehefrau des Schrotthändlers Kalkofen. In die Familie drängt sich mehr und mehr der steirische Architekt Szépregyi, der ein Verhältnis mit Has‘ Tochter Lilly beginnt.

Am Ende scheitert Has völlig: Er kann sich nicht mehr von Etelka lösen, Dorothée lässt sich von ihm scheiden, Fred Olenschläger jubelt ihm durch Winkelzüge soviel Schulden unter, dass er seine Gemäldesammlung wieder abgeben muss, und seine geliebte Tochter brennt mit Szépregyi durch.

Alfred hingegen muss erleben, wie seine heile Welt sturzartig in sich zusammenbricht, als jene der beiden Tanten stirbt, die ihn eigentlich geliebt hatte. Denn die verbliebene andere Tante – von der wir durch die Blume erfahren, dass sie einst für Hitler war – macht reinen Tisch: Der Haushalt in der Westend-Villa wird aufgelöst, alle vertrauten alten Möbel, Bilder und Haushaltsgegenstände verkauft, die Haushälterin entlassen, und die Tante zieht in ein Altersheim nach Kronberg, während Alfred allein und verlassen in der Mansarde der leeren Westend-Villa zurückbleibt.

Doch es gibt einen Lichtblick: Alle Verwicklungen scheinen darauf hinauszulaufen, dass Lilly am Ende Alfred zufällt, und Alfred entschlossen zugreift, und beide ein neues Leben beginnen können, losgelöst von den Trümmern der Vergangenheit. Dieses Happy End wird allerdings nur angedeutet. Und auch hier gilt: Es ist offenbar nicht reine Liebe, sondern Lilly fällt Alfred zu, weil sich anderes zerschlägt. Zudem ist Alfred überzeugt, dass Lilly flach und albern ist.

Zeitbezüge

Sehr interessant ist die Phase unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir erfahren von Bombennächten, Zerstörungen im Krieg, Einweisungen der Ausgebombten, dem neu aufblühenden Leben in den Ruinen, und nicht zuletzt auch von Vertriebenen: Schlesier sind zweimal ein Thema. Einmal in der Person der Kehrfrau Scharnhorst, eine verkniffene, Wagnersche Zwergenfigur. Und einmal bei der Suche nach einer Köchin, wo man zur Not auch eine Schlesierin nehmen würde … – Sie kommen also nicht gut weg, die Schlesier. Immerhin wird Eduard Has kräftig auf die Schippe genommen, als er Etelka gegenüber von „Pack aus dem Osten“ spricht, denn Etelka selbst kommt ebenfalls aus dem Osten, in ihrem Fall aus Zoppot in Westpreußen.

Zur Entwicklung des Westends erfährt man, wie die Menschen damals die historistische Architektur der alten Gründerzeit-Villen geringschätzten, und die Politik die Immobilienspekulation im Westend anheizte. Kunsthistoriker verachteten die Villen als eklektisch. Mancher schlug die Ornamente von der Fassade, warf seine alten Möbel hinaus, und schaffte sich Nierentische an. Geduldet durch die Politik bildete sich ein Straßenstrich, Villen verfielen, Gastarbeiter wurden einquartiert, Schimmel und Ratten breiteten sich aus: Man versuchte, die restlichen Bewohner zu vertreiben. Hochfliegende Pläne einer „Bürostadt Schubertstraße“ wurden geschmiedet. – Doch dann schwenkte die Politik unter dem Druck der Bürger um, und die Immobilienspekulation ging schief. Die Kunsthistoriker passten ihr Urteil flugs der Zeit an.

Wir lernen durch dieses Buch auch, dass es nicht erst die 1968er waren, die mit den Traditionen brachen und sich von ihrer Vorgängergeneration abwandten. Das geschah schon eine Generation zuvor! Die 1968er haben in diesem Sinne eher zu Ende geführt, was ihre Elterngeneration im Grunde auch wollte. Wie so oft war diese Jugendbewegung keine reine Jugendbewegung, sondern führte lediglich das aus, was die Elterngeneration ihr mit auf den Weg gegeben hatte, und rannte damit offene Türen ein. Der Bruch von 1968, er muss also mindestens 1945 angesetzt werden. – Aber auch die Nazis waren schon ein Bruch mit der Tradition und der Vergangenheit, auch hier schon eine Generation in Ablösung von einer verpönten Vergangenheit. Im Grunde muss man wohl das Jahr 1918 als das große Jahr des Traditionsbruchs ansetzen, und 1968 ist sozuagen die letzte Konsequenz von 1918.

Bürgerlichkeit

Interessant sind die verschiedenen Auffassungen von Bürgerlichkeit: Im Hause Labonté ist man ganz klar bildungsbürgerlich orientiert und hat eine Vorstellung von Weltanschauung. Um Geld geht es nicht. Man fühlt sich aufgeklärt und ist nur noch pro forma Mitglied in der Kirche. Labonté senior war Freimaurer und einst an der Gründung des Vereins für Feuerbestattung beteiligt. Die konservativen Tanten werden als „atheistische Beginen“ beschrieben. Bei der Haushaltsauflösung bekommen wir zu hören, welche Bücher in „solchen“ Haushalten üblicherweise zu finden sind:

  • Die Heine-Ausgabe von 1890.
  • Haeckels „Welträtsel“.
  • Die Novellen von Paul Heyse.
  • Brehms Tierleben.
  • Heykings „Briefe, die ihn nicht erreichten“.
  • Das Herrnhuter Gesangsbuch.

Auch Eduard Has prüft überall, wo er hinkommt, welche Bücher er dort vorfindet. Aber sie sind für ihn offenbar immer nur Statussymbol. Man sieht nirgends, dass er selbst liest, oder irgendeine innere weltanschauliche oder moralische Haltung hätte. Offenbar fährt er nach Bayreuth zu den Wagnerfestspielen. Eduard Has ist ein verwöhntes Kind, musste sich offenbar nie anstrengen, scheint auch kein schwieriges Studium oder dergleichen absolviert zu haben, war den Krieg über sicher in der Schweiz untergebracht, und ist völlig unstet in seinem Willen. Geld spielt in der Familie Olenschläger-Has eine große Rolle.

Einzelnes

Es gibt verschiedene Running Gags. So z.B. das Gemälde „Der Aufbruch des Ritters von Cronberg ins Heilige Land“ von Viktor Müller im Hause Labonté. Immer wieder spiegelt sich die Geschichte in der Betrachtung dieses Gemäldes, das am Ende im Städel landet. Man erfährt dabei einiges über die Kronberger Malerschule. Ebenfalls interessant sind wiederkehrende Überlegungen zum Charakter von Privatsammlern, deren Kunsthändlern, deren Verhältnis zueinander, und wie sich eine Sammlung entwickelt. Immer wieder taucht auch Frau Trumfeller, die Sekretärin von Fred Olenschläger auf. Eine Frau mit Haaren auf den Zähnen.

Sexualität wird im ganzen Buch offenbar nirgends unter der Perspektive von Liebe durchbuchstabiert. Es geht bei Sexualität immer um ein Geschäft von Geben und Nehmen bzw. um Unterwerfung oder gar Demütigung. Es hat den Anschein, als sei dies nicht nur die Auffassung der Protagonisten, sondern auch die Auffassung des Autors. Unpassenderweise spricht der Autor heute bei diesem Roman von „Liebesgeschichten“. Klar erkennbar wird die lieblose Haltung z.B. an dem geschäftsmäßigen Umgang mit Gefühlen durch Lilly, und vor allem an Alfreds Erfahrungen bei einer Prostituierten, die ihn zu der aufschlussreichen Überlegung führen, dass es wohl schwierig werden würde, dass Lilly sich zu so etwas herablässt: Denn das ist sein Ziel. Auch Eduard Has denkt nur in Termini von Eroberung und dergleichen. Die Frauen ihrerseits geben sich den Männern ebenfalls nirgends aus Liebe hin, sondern immer nur aus den verschiedensten gefühligen Berechnungen.

Fazit

Das Buch ist zweifelsohne interessant, sowohl was Frankfurt, die Geschichte der BRD und „das Leben“ im allgemeinen anbelangt, aber es ist leider auch sehr freudlos und eine zähe Kost.

Enttäuschungen, schließlich Enttäuschung vom Leben insgesamt, sind ein großes, etwas verborgenes Thema des Buches. Und wie sich die Protagonisten mit ihrer Enttäuschung im Leben einrichten. Wie sie sich mit Situationen und Verbindungen arrangieren, weil ihre Wünsche sich zerschlagen haben, und sie nun nach Schutz und dem kleineren Übel suchen.

Auch formal ist das Buch etwas problematisch. Schon der Einstieg ist ein hartes Brot, da etwas zusammenhang- und ziellos. Es dauert eine Weile, bis der Leser Orientierung findet, und die ein oder andere Perle erkennen kann. Es nerven die ständigen nahtlosen Übergänge zwischen den Handlungssträngen. Zudem sind einige auffällige Rechtschreibfehler zu beklagen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 12. Mai 2019)

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte (2015)

Sensibler, geistreicher Psycho-Thriller mit (Selbst-)Reflexionen über Autoren und Literatur

Die Schriftstellerin Delphine hat Kinder, eine Beziehung und Freundinnen, doch alles eher fern: Die Kinder sind aus dem Haus, der Partner ständig auf Reisen, die Freundinnen wohnen in anderen Städten. Als Delphine in eine Schaffenskrise gerät, begegnet sie L. (im Französischen gesprochen wie „elle“, also ein unkonkretes „sie“). Diese L. kennt Delphine erstaunlich gut, taucht immer im entscheidenden Moment wie zufällig aus dem Nichts auf, und drängt sich immer mehr als vermeintlich beste Freundin in ihr Leben. Schließlich installiert sich L. in Delphines Wohnung, beantwortet ihre e-mails und unterbindet jeden anderen Kontakt soweit wie möglich. Die Atmosphäre ist gedämpft, und L. sorgt dafür, dass Delphine samtweich verpackt vor ihren Mitmenschen und vor ihrem eigenen Denken abgeschirmt wird. Dann beginnt L., sich herrisch zu benehmen.

* * * Spoiler-Warnung * * *

Was hat es mit L. auf sich?

Eine erste Fährte, auf die der Leser gelockt wird, ist der Verdacht eines Identitätsklaus oder vielleicht auch Identitätstauschs. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Delphine und wegen ihrer erstaunlichen Kenntnisse über Delphine und ihr Werk fährt L. anstelle von Delphine auf eine Autorenlesung. Doch das ist es nicht. – Eine weitere Fährte ist, dass L. als Ghostwriterin für berühmte Persönlichkeiten Autobiographien schreibt, und sich bei diesen jeweils vorübergehend „einnistet“, um alle Informationen für das Werk zu bekommen. Genau das tut L. bei Delphine. Und auch Delphine beginnt, heimlich eine Biograhie von L. zu schreiben. Dazu passt, dass L. von Delphine ständig fordert, ein „wahres“ Buch über sich selbst zu schreiben. Doch auch das ist nicht die richtige Spur. – Am Ende laufen die Biographien beider ineinander, und L. versucht, Delphine zu vergiften, scheitert aber damit.

Danach ist L. aus dem Leben Delphines verschwunden, aber L. hat unter dem Namen von Delphine ein Manuskript bei ihrem Verlag eingereicht, das hervorragend ist: Eine Biographie von Delphine und ihrem Leben mit L. Es ist im Grunde das Buch, das der Leser in Händen hält. Es stellt sich heraus, dass L. eine depressive Fiktion von Delphine war, die das im nachhinein alles gar nicht glauben kann. Deshalb stellt sie Nachforschungen an, die ergeben, dass nicht die geringste Spur von L. zu finden ist. Wir erfahren im Verlauf des Buches schrittweise, dass Delphine eine unmöglich gemachte Jugend hatte (die meisten berichteten Traumata entpuppen sich jedoch als Fiktion in der Fiktion, inspiriert durch Delphines Lieblingsbücher).

Die Stärken des Buches sind:

  • Die Sensibilität und Präzision, mit der die Verletzungen von Delphine und L. entfaltet werden. Der „samtweiche“ Schreibstil.
  • Die augenscheinliche Realität von L. und das ungläubige Staunen auch des Lesers, dass es L. gar nicht gibt (gespiegelt im ungläubigen Staunen von Delphines Partner François).
  • Die Genialität der Konstruktion der Beziehung von Delphine und L., die sich dem Leser erst ex post in allen Raffinessen enthüllt. Man blättert wiederholt zurück, und versteht manche Stelle erst dann richtig.
  • Die mehrfache Selbstreflexivität: Das Buch, das der Leser in der Hand hat, ist das Buch, das im Buch geschrieben wird. Die meisten Horrorgeschichten entpuppen sich als Fiktion in der Fiktion. Und die im Buch angestellten Überlegungen über Literatur werden praktisch an diesem selben Buch durchexerziert.

Weitere Themen sind:

  • Das Leben und Leiden eines Schriftstellers, sein Kontakt zu Verlagen und Lesern, ganz unabhängig von Depressionen.
  • Die Frage nach Wahrheit und Fiktion in der Literatur. Dieses Thema wird in vielen Facetten durchgespielt. Von den „Realitätseffekten“ des Roland Barthes, über den Satz von Jules Renard, dass eine Wahrheit, die über fünf Zeilen hinausgeht, bereits ein Roman ist, bis hin zu der sinnlosen Frage nach der „reinen“ Wahrheit (während die ebenso sinnlose Frage nach der „reinen“ Fiktion so gut wie nie gestellt wird). Vorgeführt wird dies an dem Verwirrspiel um Delphine und L. und deren Biographien, gespeist aus ihrer realen Biographie, aus den fiktionalen Gehalten von Delphines letztem Buch, und aus Schlüsselstellen von Delphines Lieblingsbüchern (fast alle traumatischen Erlebnisse entpuppen sich am Ende als Fiktion in der Fiktion, S. 346; die tote Mutter von Delphine soll sogar quicklebendig sein, S. 324).

Im Grunde ist „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan eine Art Psycho-Thriller, aber er ist nicht auf Action, Horror und Effekt getrimmt, sondern sensibel, intelligent und geistreich.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 22. März 2019)

Andrea de Carlo: Wenn der Wind dreht (2007)

Moderne Großstädter treffen auf Aussteiger im Niemandsland: Clash und Katharsis

In seinem Büchlein „Wenn der Wind dreht“ (Originaltitel: Giro di Vento) lässt Andrea de Carlo eine Gruppe top-moderner, handysüchtiger Erfolgsmenschen aus der Großstadt in einem Niemandsland ohne Handyempfang stranden, wo sie auf eine kleine Kolonie von Aussteigern treffen, bei denen sie vorübergehend Unterschlupf finden müssen, bis ihr Wagen wieder flott gemacht ist.

Das Verhalten der Großstädter den Aussteigern gegenüber ist peinlich und wird immer peinlicher, zumal ihre Situation sich immer weiter verschlechtert, und sie vom Wohlwollen der misstrauisch beäugten Aussteiger vollkommen abhängig sind. Die Charaktere beider Seiten kommen sich näher und tasten einander ab. Es entstehen Sympathien und Rivalitäten. Unangenehme Fragen nach dem erreichten Glück im Leben werden gestellt. Beide Seiten sehen sich hinterfragt, auch die Aussteiger.

Schließlich führen die Lebenslügen und Selbstwidersprüche speziell der Stadtmenschen in einem fulminanten Finale zu einer eruptiven Katharsis gegenseitig abgezwungener Selbsterkenntnis.

Ein kluges, teils ausgewogenes, bedenkenswertes, schönes und gutes Büchlein!

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 02. Februar 2019)

Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas (1946)

Vom Glück des praktischen und des intellektuellen Menschen

Mit „Alexis Sorbas“ bearbeitet Nikos Kazantzakis das Thema des vom Intellektuellen empfundenen Elendes eines intellektuellen Lebens im Vergleich mit den vermuteten Wonnen eines praktischen Lebens: Der Intellektuelle lebt nicht wirklich, bringt nichts zustande, beobachtet nur, macht aus allem ein Problem, ist rational und trocken. Der Praktische lebt aus vollen Zügen, denkt nicht an morgen, nimmt alles wie es kommt, geht völlig in seinen Gefühlen auf. Der Intellektuelle steht am Rande der Gesellschaft, hat keinen Erfolg bei Frauen, findet keinen Trost, wird nicht verstanden. Der Praktische steht im Mittelpunkt der Gesellschaft, nimmt sich die Frauen, vertraut jeder Religion oder keiner, will nichts verstehen. Der Intellektuelle vergrübelt sich, der Praktische hingegen lebt einfach ein Leben reinen Glückes. So jedenfalls will es dem Intellektuellen erscheinen.

Das Thema ist uralt, spätestens seit Pythagoras definierte, was ein Philosoph ist, oder Thales von seiner Magd ausgelacht wurde. Auch Hermann Hesse hat es in seinem „Steppenwolf“ verarbeitet; doch während dort der Intellektuelle im Mittelpunkt steht, ist es bei Kazantzakis der praktische Mensch, dem alle Aufmerksamkeit gewidmet wird. Kazantzakis ist es sehr gut gelungen, das Thema in Szene zu setzen und sein Buch verdient es deshalb vollauf, zur Weltliteratur gezählt zu werden.

Aber in seiner vorbehaltlosen Verehrung des praktischen Menschen muss Kazantzakis wie viele andere Autoren, die schon dazu geschrieben haben, kritisiert werden. Ist das rein praktische Leben wirklich das Glück? Kann und will ein Intellektueller wirklich wieder zur geistigen Einfachheit zurück?

Sicher: Natürlich möchte man auch das praktische Leben beherrschen, natürlich möchte man auch hier Erfolg haben. Aber würde man damit nicht zuviel aufgeben? Bietet das intellektuelle Leben denn kein Glück? Ist es nicht schön auf einer ganz anderen, höheren Ebene? Empfindet man keine Dankbarkeit dem Schicksal gegenüber, dass man jene tieferen Einsichten haben durfte? Könnte man wirklich auf das verzichten, was z.B. ein Albert Schweitzer über Weltanschauung, Kultur und Ethik geschrieben hat? Ist der praktische Mensch nicht furchtbar derb und grob? Würde eine Welt aus lauter praktischen Menschen nicht in eine heillose Barbarei abgleiten? Und mogelt Kazantzakis nicht, wenn er seinem Alexis Sorbas Einsichten in den Mund legt, die ein praktischer Mensch so wohl kaum haben könnte? Und macht ein praktischer Mensch nicht vieles falsch und bringt sich – und andere! – dadurch in Teufels Küche? Selbst bei Kazantzakis sieht man das, auch wenn es überspielt und verharmlost wird. Will man das wirklich?

In Wahrheit kann kein intellektueller Mensch ehrlich sagen, dass das Glück in einem Zurück zur Einfachheit liegt. In Wahrheit ist es doch so, dass der Intellektuelle sich zwar eine dicke Scheibe vom Leben eines praktischen Menschen abschneiden sollte, dass er gerne auch mal den Praktischen spielt, gerne für eine Zeit mit dieser Maske und in dieser Rolle auftritt, aber im Hintergrund steuert doch sein gebildeter Verstand, und das ist gut so. Und weil Kazantzakis diesen Gedanken nicht erfasst hat, gibt es nur 4 von 5 Punkten.

Nebenbei: Wie immer bei Kazantzakis fließt eine Menge Lebensweisheit in die Erzählung mit ein, hier vor allem in Sachen Liebe, Tod, Frauen, Freundschaft, Idealismus, Zynismus, Mönchstum, Traditionalismus der Landbevölkerung auf Kreta, u.v.a.m.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 24. August 2012)

Ewald Arenz: Alte Sorten (2019)

Zwei beschädigte Seelen treffen aufeinander und finden aneinander Heilung

Die Jugendliche Sally tut sich schwer damit, sich in die „vernünftige“ Welt einzuordnen, ist wahnsinnig misstrauisch gegen alles und jeden, reagiert hysterisch, ritzt sich, wird deshalb von ihren aalglatten und verständnislosen Eltern von Klinik zu Klinik geschickt, und reißt eines Tages aus – da trifft sie auf Liss, die alleinstehend und schon über 40 einen Bauernhof mit allem drum und dran umtreibt. Liss nimmt Sally bei sich auf, sagt nicht viel, lässt sie gleichmütig gewähren und an den Arbeiten des Bauernhofes teilhaben. Sally erfährt zum ersten Mal die Freiheit, die sie benötigt, und beginnt Interesse an dem ihr völlig unbekannten Landleben zu zeigen. Aber Liss ist keineswegs die heile Seele, als die sie zunächst erscheint. Nach und nach zeigen sich ihre Beschädigungen, und nun ist es an Sally, Liss vor dem Abgrund zu retten.

Eine wunderschöne Geschichte von zwei Menschen, die aneinander ihr Glück finden und beste Freunde werden. Es sind genau die richtigen zwei aufeinander gestoßen. So ist es auch im richtigen Leben. Wir wollen und sollen alle freundlich und hilfsbereit zueinander sein, aber das alles muss dennoch an der Oberfläche bleiben. Nur in seltenen Fällen geschieht es, dass sich zwei Seelen treffen, die sich mehr zu sagen haben als das. Und manchmal trifft man eben keine. Dann bleibt man allein. So wie Liss, die immer an die Falschen geriet, und sich daraufhin in ihrem Leben durchaus sinnvoll eingerichtet hatte, soweit es ihr möglich war, mit ihrer Arbeit, mit ihren Büchern, und mit ihrem stoischen Gleichmut.

Der Roman wird ruhig erzählt und entfaltet mit einfachen Worten eine eindrucksvolle Geschichte. Neben dem eigentlichen Thema ist der Leser mindestens genauso fasziniert wie Sally von den Einzelheiten des Landlebens. Ein wahres Lesevergnügen, das zum Nachdenken über das Leben anregt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Verfasst Februar 2022.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen (1837-43)

Großartiger Bilderbogen der Gesellschaft und Desillusionierungen von bleibendem Wert

Dieses großartige Zeit- und Sittengemälde von Anfang des 19. Jahrhunderts handelt von einem jungen Dichter, der aus der Provinz nach Paris geht, dort aufsteigt und scheitert, und zurück in die Provinz kommt. Dabei muss er mehr und mehr erkennen, nach welchen Mechanismen und Motivationen die Gesellschaft funktioniert. Der Roman ist stark autobiographisch geprägt.

Am Rand dieser Erzählung wird eine Fülle von Themen angeschlagen: Die Spießigkeit der Gesellschaft in der Provinz und in Paris, die Scheidung der Gesellschaft in Adlige und Bürgerliche, in Royalisten und Liberale. Die kalte Ökonomie des Verlagswesen, an der der idealistische Schriftsteller scheitert. Die Willkür und Machtausübung der Journalisten und Zeitungsmacher, und ihr wachsender Einfluss – diese Diskussion erinnert an moderne Diskussionen über die wachsende Macht des Internet. Der damalige Theaterbetrieb, die gekauften Claqueure, und die Situation von Schauspielerinnen, ihren Gönnern und ihren Liebhabern. Das Pariser Leben in vielen Situationen: Die Wohnsituation, das Flanieren im Bois de Bologne, Studentenkneipen und gehobene Restaurants, beim Schneider, Verkaufshallen, Spielhallen, Prostitution, Pfandleiher. Themen sind auch der Zusammenhalt einer Familie und ihrer Dienerschaft, oder die marktfeindlichen Geschäftspraktiken von Konkurrenten. Ein Kreis junger Idealisten wird portraitiert. Schließlich erfährt man auch eine Menge über Papierherstellung, das damalige Druckerhandwerk, das Wechselwesen, das Kreditwesen und das Patentrecht.

Alles in allem ein sehr lesenswerter und belohnender Teil aus dem großen Projekt der „Comédie humaine“ Balzacs, den man lesen kann, ohne die anderen Teile zu kennen, und der einen unterhält und über Zeiten und Menschen und Medien viel zu sagen hat.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 27. April 2015)

Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe (2004)

Ein Meisterwerk der Erzählkunst – eine Warnung vor schrankenlosem Multikulti

Der Roman „Die dunkle Seite der Liebe“ von Rafik Schami ist ein Glanzstück erzählerischer Prosa und sprachlich ein wahrer Hochgenuß. Voller Geduld und in aller Seelenruhe entspinnt sich vor den Augen des Lesers ein gigantisches Geflecht von ineinander greifenden Einzelerzählungen, die sich unendlich langsam aber doch beharrlich zu einem gewaltigen Gesamtbild zusammenfügen. In weiten Bögen schweift die Erzählung vom roten Faden ab, verliert sich scheinbar im Unendlichen, und kommt doch immer wieder überraschend treffsicher zum Ausgangspunkt zurück. Durch dieses Umkreisen und Vor- und Zurückblenden entfaltet sich ein großer Bilderbogen der arabischen Kultur in Syrien Mitte des 20. Jahrhunderts. Dieser Roman ist eine wahre Bereicherung der deutschen Literatur durch die Synthese von orientalischer Erzählkunst und der deutschen Sprache.

Handlung des Romans ist eine Familienfehde zwischen zwei christlichen arabischen Clans über mehrere Generationen hinweg, die die Liebe zwischen Farid und Rana, die jeweils einem der beiden Clans angehören, zu einer lebensgefährlichen Angelegenheit macht.

Thema des Romans ist damit die Familiensoziologie der arabischen Kultur. Und hier ist alles drin: Ob Ehrenmord oder Zwangsverheiratung, nicht nur an Frauen, auch an Männern, ob Verhätschelung des Sohnes und Demütigung der Tochter, ob Machokultur und Patriarchat oder Verrat der Mütter an ihren Töchtern, ob Familienfehde oder Blutrache über Jahrzehnte hinweg, ob unhinterfragte Religiosität oder Aufklärungsfeindlichkeit: Hier ist einfach alles drin. Es ist eine schlichtweg verrückte Welt, ein einziges Irrenhaus, und je aufgeklärter die Protagonisten im Roman sind, desto mehr empfinden sie es ebenso: Es ist eine einzige Katastrophe, einfach nur zum Davonlaufen.

Interessant für den europäischen Leser ist, dass sich hier in christlichen Familien all die Phänomene wieder finden lassen, die man sonst eher in islamischen Familien vermuten würde. Die Ursache für solche Zustände ist ein Gesamtkonglomerat aus unaufgeklärter Religiosität und kulturellem Traditionalismus, Bildungsferne und dem Leben in einem islamisch dominierten Land. Das Fehlen von Aufklärung und humanistischer Bildung ist das Hauptproblem.

Interessant ist auch, wie sich die syrische Gesellschaft aufspaltet: Es sind dort nicht alles traditionalistische Muslime, wie manche vielleicht meinen, sondern es gibt dort alle politischen und weltanschaulichen Schattierungen, die es auch im Westen gibt. Nur, dass das Spektrum anders proportioniert ist, so dass moderate, aufgeklärte Demokraten keine Chance haben.

Viele europäische Intellektuelle scheinen diesen Roman falsch verstanden zu haben: Sie loben ihn als Werk des Multikulturalismus, der uns durch orientalische Sprache bereichere und der zeige, dass in der islamischen Welt auch vernünftige Menschen lebten bzw. dass auch Christen traditionalistisch sein können. Das ist alles nicht falsch, aber doch haarscharf an der Wahrheit vorbei gedacht: Der Roman zeigt doch vielmehr, dass man Christentum und Islam nicht gegeneinander ausspielen sollte, sondern unabhängig von der Väterreligion das Fehlen von Aufklärung und humanistischer Bildung das Problem sind.

Man kann diesen Roman auch als eine Warnung an Europa lesen, die von europäischen Intellektuellen gerne übersehen wird: Wollen wir wirklich tatenlos dabei zusehen, dass sich im Namen der Toleranz und der kulturellen Vielfalt auch diese arabische Familienkultur bei uns einnistet? Vor der so viele arabische Intellektuelle zu uns geflohen sind, darunter auch der Autor dieses Romans, Rafik Schami? Wollen wir Zufluchtsort sein, oder ein Ort, von dem man flüchtet?

Der Leser sollte für dieses Werk viel Zeit mitbringen: Das ganze erste Drittel des Romans ist der Vorgeschichte der beiden Clans gewidmet, es ist eine einzige schier endlose Orgie aus Ehrenmorden und Zwangsheiraten. Danach folgt bis zur Mitte des Romans die Kindheit der Hauptperson. Bis zu diesem Punkt muss man einfach durchhalten, die Schönheit der Sprache wird es einem erleichtern. Und es lohnt sich! Denn auf dieser notwendigen Grundlage kommt die Geschichte dann in Fahrt.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

Geschrieben 27. November 2001.

Mary Renault: Die Maske des Apoll (1966)

Ruhiger, genau beobachtender, aber zu braver Historienroman

Die Handlung des Historienromans „Die Maske des Apoll“ von Mary Renault entwickelt sich rund um den Versuch Platons, im Syrakus des Tyrannen Dionysios II. unter Mithilfe von Dion, dessen Verwandten und Anhänger Platons, den Idealstaat zu errichten. Der Protagonist ist dabei ein reisender Theaterschauspieler, der das politische Geschehen beobachtet und dessen Auswirkungen am eigenen Leibe zu spüren bekommt.

Mary Renault kann sich gut in die Zeit und die besonderen Umstände hineindenken und verblüfft mit ihrer genauen Kenntnis des antiken griechischen Theaters; wer sich dafür interessiert, kommt in jedem Fall auf seine Kosten. Vorkenntnisse in diesem Bereich sind von Nutzen, um jede Anspielung zu verstehen. Auch Platon und seine Philosophie werden ganz gut getroffen, ebenso alles andere. An zwei Stellen kleidet Mary Renault die Philosophie Platons etwas gewagt in neutestamentliche Worte. Die Person des Platon wird zu sehr idealisiert. Der Roman ist in einem antiquiert wirkenden, ruhigen Stil geschrieben, der fern von dem Aktionismus moderner Pageturner seinen eigenen Charme entwickelt.

Doch der Roman ist zu brav geraten. Es fehlt das Besondere, der Biss. Vielleicht ist der Biss in bezug auf das antike Theater gerade eben noch vorhanden; in bezug auf Platon, seine Philosophie und dessen Versuch, den Idealstaat zu verwirklichen, fehlt er jedoch gewiss.

In Kapitel 12 (S. 261) könnte es eine Anspielung auf Platons unvollendete Darstellung von Atlantis geben, wo von einer unvollendeten Schrift Platons die Rede ist; doch das bleibt eine Vermutung, auf den Inhalt der Schrift wird nicht eingegangen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 14. Februar 2012)

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