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Nadia Wassef: Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um – Mein abenteuerliches Leben als Buchhändlerin in Kairo (2021)

Wertvolles Buch mit vielen Aspekten: Ägypten, Unternehmertum, Literatur, Entwicklung, Islam u.v.a.m.

Nadia Wassef erzählt in diesem Buch, wie sie mit ihrer Schwester und einer guten Freundin die erste moderne Buchhandelskette in Ägypten gründete, wo der Buchhandel bis dahin in den Händen von verschlafenen Krämern lag oder per Versand abgewickelt wurde. Während der Erzählung erfährt der Leser eine Menge Einzelheiten über viele verschiedene Themen.

Man kann dieses Buch zunächst als Ratgeber für Unternehmer und Gründer lesen. Denn wir erfahren sehr viel über die praktischen Schwierigkeiten und Entscheidungen, die immer wieder überwunden und getroffen werden müssen. Vom Umgang mit der Bürokratie bis hin zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme ist alles dabei. Es ist wirklich sehr lehrreich.

Der Zustand des ägyptischen Staates ist dabei ein ständiges Thema. Die Autorin ist eine entschiedene Gegnerin des Nasser-Sozialismus und zeigt an vielen Beispielen auf, wie sich sozialistische Politik negativ auf Ägypten ausgewirkt hat. Sei es die Korruption, seien es die faulen weil unkündbaren Beamten, sei es die Bürokratie. Auch die Zensur des Nasser-Sozialismus wird immer wieder angeprangert. Teilweise muss sie in der berüchtigten Mogamma, einem großen Bürokratie-Komplex in Kairo, vorsprechen, um bestimmte (harmlose) Bücher verkaufen zu dürfen. Manche durchtriebenen Händler haben parallel zu offiziellen Vertriebswegen ein erstaunlich gut funktionierendes Beschaffungsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen auch illegale Artikel besorgt werden können. Die Autorin hat einen klaren Blick für die Verhältnisse:

„Früher dachte ich, dass die Undurchsichtigkeit der Gesetze und die Willkür, mit der sie gedeutet wurden, unbeabsichtigt wären. Doch nach fast zwei Jahrzehnten als Unternehmerin in Ägypten weiß ich: Es ist so gewollt. Die alles durchdringende Ungewissheit und die endlosen Verzögerungen waren Mittel zur Kontrolle. Du siehst aus der Ferne zu, immer in dem Wissen, dass du selbst eines Tages an die Reihe kommst. Und bis dahin unterziehst du dich einer panoptischen Selbstzensur und wägst jedes deiner Worte sorgfältig ab, als ob du unter Dauerbeobachtung stündest.“ (S. 99)

Sehr interessant sind die Einblicke in das Leben der ägyptischen Oberschicht, zu der die Autorin dazu gehört. Die Oberschicht schickt ihre Kinder auf englische Schulen, wo sie ausschließlich die englische Kultur kennenlernen. Die arabische Sprache, also die Sprache ihres eigenen Volkes, beherrschen diese Menschen nur schlecht. Wir erfahren, dass Angehörige der ägyptischen Oberschicht z.B. Urlaub in der Bretagne machen. Eine befreundete Künstlerin pendelt ständig zwischen London und Kairo. Die Finanzierung der Buchhandlung ist trotz Verlusten offenbar ebenfalls kein Problem. Die Autorin entscheidet sich nach dem Arabischen Frühling, nach London auszuwandern, wo sie nun ihre Heimat sieht. Letztlich ist sie aber überall ein wenig fremd.

Die Unterschicht kommt eher am Rande vor. Die Angestellten der modernen Buchhandlung sind arm und deshalb korruptionsanfällig. Die Überwachung der Angestellten der Buchhandlung hat ein orwellsches Ausmaß. Auch Fahrer und Haushälterinnen und deren Verhaltensweisen und Probleme werden besprochen. Die Buchhandlung kann der ägyptischen Vetternwirtschaft nicht entkommen, jeder Angestellte ist bestrebt, seine Verwandten im Unternehmen unterzubringen, und so geschieht es dann auch. Es scheint in Ägypten eine große Zahl an schlecht bezahlten Jobs zu geben wie Fahrer, Haushälterin, Kindermädchen, Concierge, usw. Insbesondere das Lieferwesen und die Verrichtung von Botengängen sind groß ausgebaut. Die kleinen Leute sympathisieren mit den Muslimbrüdern, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern weil diese sich sozial betätigen, während die Staatsbürokratie die kleinen Leute im Stich lässt.

Die Buchhandlung richtet sich leider vor allem an diese Oberschicht. Denn nur die Oberschicht verfügt über das Geld, Bücher zu kaufen, und über die Zeit, sie zu lesen. Geführt werden englische, französische, deutsche und arabische Titel. Dass auch die deutsche Sprache für würdig befunden wurde, obwohl die Autorin selbst kein Deutsch kann, ist interessant zu lesen. Zur Sprache kommen Kunstbücher aus dem deutschen Taschen-Verlag (S. 241), aber es wird auch der deutsche Qualitätsklebstoff gelobt, mit dem die Werbeeinkaufstaschen der Buchhandlung verleimt werden (S. 47).

Auch die besonderen Probleme von Frauen in der ägyptischen Gesellschaft werden thematisiert. Allerdings befindet sich die Autorin in einer privilegierten Position, so dass ihre Darstellung dieser Probleme sich harmloser anhört als es vermutlich ist. Die Autorin spricht wie eine westliche Feministin über den Sexismus in westlichen Gesellschaften, aber dieser ist natürlich ganz anders und harmloser als der Sexismus in der ägyptischen Gesellschaft. Die Autorin hat nach eigenen Angaben westliche feministische Autoren gelesen („Gender Studies“). In diesem Punkt ist das Buch sehr schwach, denn für die ägyptische Durchschnittsfrau ist der Sexismus nicht mit energischen Worten spontan überwindbar, so wie es der Autorin gelingt.

Man erfährt auch ein wenig über die arabisch-ägyptische Kultur, für die die Autorin ein entwickeltes Nationalbewusstsein hat. Das steht auch hinter dem ganzen Projekt: „Aber was ist mit Ägypten? Was geschieht, wenn Länder ihre Kulturprojekte vernachlässigen und stattdessen immer nur Dämme und Autobahnen bauen? … Doch wir durften unseren Glauben an den Laden und an die Bücher nicht verlieren. Wenn wir Ägypter vergaßen, wer wir einmal waren, würden wir nie herausfinden, wer wir eines Tages sein konnten.“ (S. 29 f.)

Der Leser erfährt, dass das Buch „Tausendundeine Nacht“ in Ägypten Gegenstand eines ständigen Kulturkampfes ist, weil sich die Religiösen an den erotischen Szenen darin stoßen. Umm Kulthum wird am Rand erwähnt. Das Problem des Gegensatzes von klassischer Hochsprache (Fus’ha) und Volkssprache (Amiyya) wird thematisiert. Es sind vor allem die Religiösen, die verhindern, dass die Schriftkultur auf die Volkssprache umgestellt wird. Auf diese Weise wird das ägyptischen Volk von seiner eigenen Literatur entfremdet. Wir hören von dem arabischen Epos Al-Sira al-Hilaliya, von dem anderwärts sonst nie etwas zu hören ist.

Anhänger der Oberschicht, die auch Kunden in der Buchhandlung sind, hängen der Idee des „Pharaonismus“ an, d.h., sie wollen eine Rückbesinnung auf die vorislamische Zeit, was in der breiten Bevölkerung auf keinerlei Gegenliebe stößt. Ägyptische Geldscheine haben eine „islamische“ Seite mit Abbildungen von Moscheen und eine „pharaonische“ Seite mit Abbildungen von altägyptischen Monumenten. Wir erfahren von Taha Hussein und von Abu Zaid. Viele moderne arabische Autoren werden durch die neue Buchhandlung erstmals für einen breiteren Leserkreis verfügbar.

Leider geht der ägyptische Nationalismus ein wenig mir der Autorin durch, denn sie spielt die Errungenschaften der griechischen Kultur gegenüber der altägyptischen Kultur herunter (S. 62, 64, 72). Auch ist ihr Urteil über den Kolonialismus etwas zu einseitig: Denn sie wirft den Kolonialmächten vor, die Ägypter beim Umgang mit ihrem großen altägyptischen Erbe zu bevormunden (S. 61) – in Wahrheit lernten die Ägypter selbst dieses Erbe nur durch die Übernahme westlicher Kultur schätzen.

Die Entwicklung der Stadt Kairo wird in einer Weise beklagt, wie wir das auch aus Europa kennen: Die großen Einkaufszentren verdrängen die kleinen Geschäfte. Traditionelles Bauen wird durch gesichtsloses Architektur verdrängt. Traditionelles Kunsthandwerk stirbt aus. Die Autorin kann wunderbar von dem früheren Kairo erzählen, von den kleinen Geschäften und ihren schrulligen Inhabern,

Ein kleinerer Teil des Textes wird auch von Erziehungsfragen, Familienproblemen, Ehescheidungen und dergleichen eingenommen. Insofern es sich um Probleme handelt, die eine Unternehmerin neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit lösen muss, gehört das unbedingt zum Thema dazu. Die Lehren ihrer Eltern geben einen weiteren Einblick in das Denken der ägyptischen Gesellschaft. Immerhin gibt die Autorin offen zu, dass sie daran gescheitert ist, den Spagat zwischen Mutterrolle und Unternehmensführung zu meistern. Niemand könne das schaffen, meint sie. (S. 173)

Die Autorin berichtet auch ausführlich über ihr Verhältnis als Buchhändlerin zu bestimmten Büchern. Insbesondere Ratgeber-Bücher werden von ihr besonders skeptisch beäugt. Wohlfühl-Bücher wie „Der Alchemist“ von Paolo Coelho werden klar kritisiert, wobei sich die Kritik eher an den Autor richtet, den sie persönlich kennenlernen durfte. Generell fällt auf, dass die Autorin unglaublich belesen ist. Sie kennt einfach alles: Antike Autoren, das Rad der Fortuna, Voltaire, Hermann Hesse, englische und französische Klassiker, sie kann überall Zitate und Lehren aus diesen Werken einflechten. Einige Kunden kaufen Bücher auch nicht zum Zweck des Lesens, sondern als ästhetische Gegenstände. Oder als Projektion von Träumen.

Am Ende fühlt sich die Autorin von der unternehmerischen Aufgabe überfordert und flieht anlässlich der Wahl eines Muslimbruder-Präsidenten aus Ägypten nach London. Es bleibt die Erinnerung an unglaublich viele Menschen, deren Schicksal durch die Buchhandelskette „Diwan“ bestimmt worden ist. Und die Buchhandelskette existiert heute noch, unter anderer Führung.

Dieses Buch ist sehr reichhaltig und lehrreich. Doch wie sich anhand der klaren Trennung von Oberschicht und Unterschicht schon andeutete, versagt die Autorin am Thema Islam. Diesen möchte sie im Grunde eher verdrängen. Überwinden. Irgendwie loswerden und „weghaben“. Islam-theologische Werke will sie in ihrer Buchhandlung eher nicht führen, statt dessen Bücher über islamische Kunst und dergleichen. Und vieles über die Kopten, nicht über den Islam. Damit verfällt die Autorin genau demselben Fehler, dem die Oberschichten in arabischen Ländern seit fast einem Jahrhundert immer wieder verfallen: Man kann den Islam nicht einfach abhalftern. Die Masse der Bürger besteht aus gläubigen Muslimen.

Es gibt (für Ägypten) nur eine einzige Lösung für das Islam-Problem: Die Entwicklung einer islamischen Reformtheologie, so mühsam das auch ist, so aussichtslos es erscheint. Sie erwähnt immerhin zwei berühmte ägyptische Reformdenker: Muhammad Abdou und Nasr Hamid Abu Zaid. Doch sie macht nichts daraus. Sie beklagt sich nur kurz, dass diese nicht anerkannt wurden, ohne den Gedanken zu entwickeln, dass es dazu einer breiten religiösen und sozialen Bewegung bedarf, die die ganze Bevölkerung mitnimmt.

Am Ende hat die Autorin keine Lösungen für die Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft anzubieten. Die Spaltung von Oberschicht und Unterschicht bleibt hart bestehen. Die Autorin ist geflohen. Dafür einen Punkt Abzug. Dennoch ein sehr lesenswertes Buch.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Elif Shafak: Der Architekt des Sultans (2013)

Erzählter Traum von einer besseren Türkei

Der Roman „Der Architekt des Sultans“ von Elif Shafak ist weniger ein realistischer Historienroman, der die wahre Historie trickreich mit einer spannenden Geschichte hinterlegen würde. Vielmehr ist es ein fast schon märchenhaftes Geschehen, das sich vor dem nur blass gezeichneten Hintergrund der Geschichte Istanbuls im 16. Jahrhundert entfaltet. Im Zentrum steht die Geschichte des Jungen Jahan, der als Elefantenführer nach Istanbul kommt und dort Schüler des berühmten Hofarchitekten Sinan wird.

Zentrale Themen des Buches sind Liebe, Vertrauen und Wohlwollen, dann auch Wissen und Bildung, und als Gegensatz dazu Hass, Verbitterung und religiöse Engstirnigkeit. Da ist zunächst die Liebe des Jungen zu seinem klugen Elefanten. Dann die mordende Geldgier des Kapitäns, der ihn nach Istanbul brachte. Dann der Hofarchitekt, der seine Schüler seltsamerweise danach aussucht, ob sie seelisch heilungsbedürftig sind. Die Sultane, die ihre Konkurrenten um den Thron ermorden lassen. Der schwelende Hass diverser Romanfiguren auf das Osmanische Reich, weil es ihr Land erobert und ihre Familien ermordet hat. Der Forscherdrang des Hofastronomen. Die Engstirnigkeit der Religionsgelehrten. Die Buchhändler voller Weisheit. Die Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Religion und Herkunft. Eine islamische Gläubigkeit getragen von Liebe und Barmherzigkeit. Idyllische Zigeuner mit dem Herz am rechten Fleck. Usw. usf.

Shafaks Roman ist im Grunde ein Märchen, das auf die heutige Türkei abzielt, in der dieselben Kräfte wie im Roman immer noch schwer miteinander ringen.

Erzählerisch ist der Roman stark, die Sprache angenehm und gefällig. Man ist durch jede einzelne Episode aufs neue gefesselt. Eine Schwäche ist jedoch, dass der Roman nur einen dünnen roten Faden hat, in den viele kleine Nebenerzählungen eingewoben sind, die nicht dazu beitragen, die Geschichte voranzutreiben, und die teilweise so dramatisch sind, dass man jeweils einen eigenen Roman daraus hätte machen können. Auch die Auflösung diverser Verwicklungen am Schluss des Romans kommt etwas überraschend und hat sich eher nicht im Verlauf des Romans abgezeichnet. Auch die dramatische Eingangsszene wird im Roman dann eher beiläufig abgearbeitet, und auch der Prolog mit dem „Mittelpunkt des Universums“ ist am Ende nicht so zentral für diesen Roman, wie man erwarten könnte. Der Roman krankt ein wenig daran, dass er zu viele „zentrale“ Themen aufmacht, so dass am Ende keines davon mehr wirklich „zentral“ ist.

Eine weitere Schwäche ist eine teilweise zu sehr zur Schau gestellte Freundlichkeit und Rücksichtnahme. Im wirklichen Leben geht es manchmal doch robuster zu, ohne dass es weniger herzlich wäre. Hier ist man versucht, das Wort vom „Frauenroman“ zu bemühen. Schließlich wurde das ganz am Anfang des Romans angeschlagene Gegensatzpaar „Liebe“ vs. „Liebe zum Lernen“ bzw. zur Wahrheit nicht wirklich bearbeitet. Richtig ist, dass Jahan kein Glück in der Liebe hat. Aber der Grund dafür scheint mir keineswegs seine Liebe zum Lernen und zur Wahrheit zu sein, die übrigens nur recht selten im Roman aufscheint. Beide Dimensionen bleiben unverbunden nebeneinander stehen, und stoßen sich nicht gegenseitig. Aus diesem Thema hätte man mehr machen können.

Eine kleine Liste weiterer Themen, die der Roman bearbeitet:

  • Das Verhältnis von Meister und Schüler.
  • Ein Leben voll begeisternder Arbeit, über der das Leben selbst zu kurz kommt.
  • Unerfüllte Liebe. Einsamkeit.
  • Abschied, Tod, Verlust, Verrat.
  • Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft, Verkleidung als Mann.
  • Studienreisen von osmanischen Architekten nach Rom.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 23. Juli 2017)

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten (1945/2016)

Sehr authentischer und berührender Bericht von Verfolgung und Flucht

Die polnische Jüdin Françoise Frenkel hatte in Paris studiert und dann 1921 in Berlin eine französische Buchhandlung eröffnet. In ihrem 1945 erschienenen und kaum beachteten Buch „Nichts um sein Haupt zu betten“ berichtet sie über ihre Verfolgung und Flucht in der Zeit des Nationalsozialismus: Wie alles begann, mit den Pogromen in Berlin. Wie sie nach Frankreich floh. Wie nach dem Einmarsch der Deutschen auch dort die Verfolgung begann. Und wie sie mithilfe guter Menschen sich verstecken und schließlich fliehen konnte. Weniger guten Menschen begegnete sie ebenfalls in ausreichendem Maße.

Dieses jetzt von Patrick Modiano wiederentdeckte Buch überzeugt durch die authentischen Erlebnisse der Autorin mehr als viele literarische Verarbeitungen des Themas. Die Darstellung ist erstaunlich nüchtern und sachlich. Teilweise wird die Situation mit Sarkasmus und Galgenhumor getragen. Es ist die Persönlichkeit der Autorin, die überzeugt.

Eine wahre Entdeckung, eine Top-Empfehlung.

Bewertung: 5 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon in etwas anderer Fassung am 11. Juli 2018)

Patrick Tschan: Schmelzwasser (2022)

Ein fürchterlich verunglücktes Buch

Dieser Roman will anhand der Geschichte der Überlinger Buchhändlerin Eleonore Weber (1900-1992), die 1947 ihre überregional bekannte Buchhandlung eröffnete, einen Einblick geben, wie die deutsche Gesellschaft nach 1945 den nationalsozialistischen Ungeist zurückdrängte und in die Zeit von 1968 aufbrach. Doch leider ist dieses Vorhaben gründlich missglückt.

Es beginnt damit, dass der Roman völlig ahistorisch ist. Mit der Anlehnung an die Person von Eleonore Weber wird Historizität angedeutet, doch in Wahrheit ist der Roman fast vollständig frei erfunden. Die historische Person Eleonore Weber wird völlig verfehlt. Warum dann nicht gleich völlig frei erfinden? Nicht einmal als Lokalroman für die Stadt Überlingen taugt das Buch, denn auch die Stadt Überlingen bleibt mit einigen spärlichen Anspielungen seltsam blass. Es geht eher um irgendeine imaginierte deutsche Kleinstadt als um Überlingen. Hinzu kommt die Verfremdung durch Pseudonyme: Eleonore Weber heißt in diesem Roman „Emilie Reber“. Der Name der Stadt bleibt ungenannt. Warum dieses Versteckspiel? Und aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wird die „Sozialistische Partei Deutschlands“ (S. 283): Das ist fast schon eine Schändung der Tradition der SPD.

Auch die Handlung ist leider sehr unrealistisch. Man hat das Gefühl, es mit Stehaufmännchen zu tun zu haben. Den Protagonisten gelingt im Grunde immer alles, es sind Tausendsassas ohne Charakter. Und wenn sich die Buchhändlerin Emilie Reber in der Überlinger Stadtgesellschaft unbeliebt gemacht hat, dann ändert sie einfach die Strategie und schon ist sie wieder obenauf – in der Realität würde das nicht so funktionieren. Im Hintergrund steht dabei immer die französische Besatzungsmacht, die Emilie Reber eine besondere Macht über ihre schuldigen Mitmenschen verleiht. Das ist eine sehr unwirkliche Situation (und auch moralisch etwas fragwürdig.) Man könnte versuchen, diese unwirkliche Handlung symbolisch zu lesen. Aber dafür ist das Buch wieder nicht symbolisch genug.

Die Unglaubwürdigkeit setzt sich damit fort, dass die Realität der Nachkriegszeit völlig verfehlt wird. In diesem Buch gibt es auf der einen Seite eine durch und durch schuldig gewordene und eisern schweigende deutsche Gesellschaft, angeführt von einer Reihe alter Nazis, die so alt und so dumpfbackig sind, wie es nur eben geht. Dem gegenüber stehen junge, weibliche, dynamische „Aufklärer“, die die Gesellschaft aufmischen. Eine klare Polarität. So war es aber nicht. Die Schuld am Nationalsozialismus war in der deutschen Gesellschaft sehr ungleich verteilt, dazu gleich mehr. Und so mancher Nazi war jung, clever, elegant und unangenehm anpassungsfähig. Im Roman fehlt z.B. auch die katholische Kirche in Form eines Stadtpfarrers oder der katholischen Jugend völlig. Die Kirche spielte in Baden sowohl im als auch nach dem Nationalsozialismus eine wichtige Rolle. Auch das Handeln der Franzosen als Besatzungsmacht wird an keiner Stelle kritisch hinterfragt. Die Rollen von Gut und Böse sind in diesem Roman so klar verteilt, dass es weh tut. Wer sich für die Nachkriegszeit interessiert, sollte besser „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen lesen. Koeppen hat diese Zeit selbst miterlebt und beschreibt sie sehr realistisch. Auch was die Stimmung anbelangt: Dort findet man viele kleine und große Sorgen der Menschen, serviert mit erstaunlich viel Humor, und von Schuldgefühlen eher keine Spur. „Aufklärer“ sind in der Nachkriegsgesellschaft eines Wolfgang Koeppen völlig überflüssig.

Neben die unrealistische Zeitdiagnose wird eine unrealistische Therapie gesetzt: Dieser Roman glaubt allen Ernstes, den Nationalsozialismus mit „Literatur, Musik, Mode, Frisuren, Aufklärung, Sex“ überwinden zu können, so heißt es wortwörtlich (S. 210). „Aufklärung“ meint dabei Sexualaufklärung, nicht philosophisch-politische Aufklärung. Hannah Arendt oder Thomas Mann werden zwar genannt, aber die Inhalte ihrer Werke bleiben in diesem Roman stumm: Dabei wäre hier viel Gutes zu finden gewesen. Statt dessen treten die „Aufklärer“ des Romans den Rechtsstaat, den sie angeblich aufbauen möchten, mit Füßen, indem sie das Briefgeheimnis wiederholt und systematisch brechen, um Nazis zu bekämpfen. Am Ende wird sogar ein Mord am Obernazi des Romans als finale Erlösungstat angedeutet, denn er wird in seinem Rollstuhl bei Nacht und Nebel hinaus aufs Eis des Bodensees geschoben (und ward danach wohl nie mehr gesehen; das bleibt aber ungesagt).

Es kommt hinzu, dass die „Aufklärung“ der kleinstädtischen Gesellschaft erstaunlich kommerziell verläuft. Die Protagonisten des Romans verkaufen ständig irgendetwas: Sie verkaufen Taschenbücher, Frisuren, Jeans, Beate-Uhse-Kataloge, Musik und Eintrittskarten in die Disko, wo dann wieder Getränke verkauft werden. Auch das große Konzert am Ende des Romans hat einen genau bezeichneten Eintrittspreis, nämlich 5 DM, und die örtlichen Vereine verkaufen Bratwurst und Getränke, wie sorglich vermerkt wird. Und die Protagonisten loben sich gegenseitig mehrfach für ihren Geschäftssinn. Natürlich, nicht selten gehen Fortschritt und Kommerz Hand in Hand. Aber diese Einseitigkeit hat doch ein Gschmäckle.

Was die Schuld der Deutschen anbelangt, wiederholt dieser Roman doch tatsächlich das ewig falsche Mantra, dass jeder von dem kommenden Unheil durch die Nationalsozialisten hätte wissen können und deshalb jeder voll schuldig sei: Jeder Deutsche also ein vollschuldiger Massenmörder (S. 301). Man denke aber nur, wie kurzsichtig und oberflächlich die große Masse der Wähler auch heutzutage politische Fragen beurteilt: Es ist unrealistisch, allzu hohe Forderungen an die Masse der Menschen zu stellen. Zwar gibt es eine gewisse Schuld auch bei den „kleinen“ Leuten, doch sie ist meist klein oder auch gar nicht vorhanden. Die Hauptschuld ist natürlich vor allem bei den „Vorbetern“ der Gesellschaft zu suchen. Abgesehen davon, dass die NSDAP in den letzten Wahlen vor der Machtergreifung nicht 100% sondern 33% erzielte, und selbst nach der Machtergreifung bei ungebremster Propaganda und Einflussnahme auf die öffentliche Meinung nur auf 43,9% kam. Die badischen Wahlergebnisse bewegten sich dabei ziemlich genau im Durchschnitt Gesamtdeutschlands. Der Überlinger Lokalhistoriker Oswald Burger, den Patrick Tschan als eine seiner Quellen anführt, urteilt: „Ein Nazinest war Überlingen vor 1933 allerdings eindeutig nicht.“

Zumal sich die Frage stellt, was es denn genau ist, was man vorher über die Verbrechen der Nationalsozialisten hätte im voraus wissen können, vorausgesetzt, man wäre intellektuell wach gewesen. Es sei an Hannah Arendt erinnert, die als verfolgte Jüdin und Intellektuelle am ehesten in der Lage hätte sein sollen, Dinge vorauszusehen. Doch als 1945 die Nachrichten aus den KZs in die Zeitungen kamen, brauchte sie eine gewisse Zeit, um zu begreifen, dass der Holocaust keine alliierte Propaganda sondern Realität war. Wenn Hannah Arendt Schwierigkeiten hatte, die Monstrosität des Nationalsozialismus im nachhinein zu begreifen, wie soll es dann der Otto-Normal-Deutsche im vorhinein hätte sehen können? Die Schuldfrage wird in diesem Roman ganz platt und falsch behandelt, wie wenn alle Deutschen bei einer freien und geheimen Volksabstimmung mit einem willentlichen und wissentlichen „Ja“ explizit für die massenhafte Ermordung von Menschen gestimmt hätten. Das ist grotesk. Die komplexe Realität der Schuldfrage wird von diesem Roman vollkommen verfehlt.

Weiter tischt dieser Roman die uralte Lüge auf, dass der Nationalsozialismus ganz dem jahrhundertealten deutschen Wesen entsprochen habe, das im Nationalsozialismus lediglich zu seiner reinsten Form kulminiert sei. Zitat: „Seit Generationen werden in diesem Land Menschen gedemütigt, gefügig gemacht, abgerichtet. Wie Sie. Weitergegeben von Vätern an Söhne, von Müttern an Töchter. Wie bei Ihnen. Das ist das Wesen dieses Landes, das Europa zweimal in den Abgrund geführt hat. Millionen und Abermillionen Tote wegen dieser Zucht: demütigen, gehorchen, die nächsten demütigen, zum Kadavergehorsam, zu Maschinen wie Sie erziehen, in den Krieg schicken und so weiter und so weiter.“ (S. 301 f.) „Und dass alle diese Eichmanns in diesem Land das Resultat einer Erziehung zum Kadavergehorsam durch Demütigung und Strafen sind, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben worden ist. Er sei genauso eine Ausgeburt deutscher Zucht, die stets gedankenlos den noch Schwächeren tritt.“ (S. 304)

Die Idee, dass das Wesen des Deutschen „seit Jahrhunderten“ in „deutscher Zucht“ zum „Kadavergehorsam“ bestünde, die „stets“ gedankenlos den noch Schwächeren tritt, ist einfach nur Quatsch. Man versuche mal Goethe und Schiller mit dieser Idee im Hinterkopf zu lesen. Oder Immanuel Kant und Friedrich den Großen. Kadavergehorsam gab es in der SS, in der Tat. Aber schon in der Wehrmacht sah es anders aus, und das mitten im Nationalsozialismus. Selbst Wikipedia weiß es besser: „In Wirklichkeit setzt gerade die vom preußischen und deutschen Militär (unter anderem in beiden Weltkriegen) sehr erfolgreich umgesetzte Auftragstaktik das Gegenteil von Kadavergehorsam voraus.“ Der Nationalsozialismus war nur eine Karikatur des wahren deutschen Wesens, wenn überhaupt. Den Nationalsozialismus als höchste Manifestation des deutschen Wesens zu beschreiben, ist ein sehr, sehr radikaler Standpunkt, dessen logische Konsequenz die Auslöschung von allem ist, was deutsch ist. Nur weniger gebildete Menschen vertreten solche Thesen. Gebildete Menschen hingegen hätten nicht nur Goethe und Schiller gelesen, sondern wüssten z.B. auch, dass die Frage nach der Kriegsschuld beim Ersten Weltkrieg, der von Patrick Tschan hier in einem Atemzug mit dem Zweiten Weltkrieg genannt wird, sehr differenziert betrachtet wird. Wer glaubt denn heute noch daran, dass der „verrückte Kaiser Wilhelm“ und die „kadavergehorsamen Deutschen“ die volle und alleinige Schuld am Ersten Weltkrieg tragen?

Aber damit nicht genug. Dieser Roman schöpft den Brunnen der Peinlichkeit voll aus. Nicht nur das deutsche Wesen, auch Preußen wird klischeehaft in die Pfanne gehauen. Angeblich hätte Preußen nach der Niederschlagung der badischen Revolution von 1849 überall in Baden „Statthalter“ eingesetzt. So z.B. auch den Vorfahren des Roman-Obernazis, der ein Überlinger Landgut erhalten hätte, das zuvor einem Revolutionär gehört hätte. Diese Obernazi-Familie hätte von 1849 durchgehend bis in den Nationalsozialismus hinein Überlingen mit Kadavergehorsam beherrscht (S. 296). Und der alte Obernazi hätte noch in den 1920er Jahren seinen Sohn „nach alter preußischer Schule“ (S. 291) Spießruten laufen lassen. Die „Kaiserzeit“ wird wiederholt negativ genannt.

Auch das ist alles ganz falsch und unhistorisch. Preußen hat gewiss keine „Statthalter“ in Baden eingesetzt, sondern Preußen hatte Baden für ein gutes Jahr komplett militärisch besetzt. Später wurde Baden durch eine dynastische Beziehung des badischen Prinzregenten Friedrich mit der preußischen Prinzessin Luise (ab 1855) an Preußen gebunden. Es gab auch nie ein Spießrutenlaufen „nach alter preußischer Schule“. Das Spießrutenlaufen war im Zeitalter des Absolutismus überall in Europa verbreitet und kein preußisches Spezifikum. Im Gegenteil. Preußen schaffte das Spießrutenlaufen als eines der ersten Länder im Jahr 1806 ab. In süddeutschen Ländern geschah dies erst viel später, z.B. in Württemberg erst 1818, in Österreich sogar erst 1855. Und der reale Überlinger Obernazi, Kreisleiter Gustav Robert Oexle (1889-1945), war kein preußischer Gutsbesitzer, sondern stammte aus einer Tagelöhnerfamilie. Romanautor Patrick Tschan muss das gewusst haben, denn den Motorradunfall von Zänglers Sohn im Roman und dessen Bestrafung nach 1945 hat er sichtlich dem realen Motoradunfall von Oexles Nachfolger Ernst Bäckert nachempfunden. Zuguterletzt sei an die Autobiographie „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki erinnert: Darin kommt Reich-Ranicki immer wieder mit lobenden Worten auf das preußische humanistische Gymnasium zu sprechen. Wer aber nur Patrick Tschans Roman gelesen hat, wird gar nicht verstehen, wie man „Preußen“ und „Humanismus“ in einem Atemzug nennen kann.

Fazit

Für ein Buch des Jahres 2022 hätte man sich wahrlich mehr Gedankenreichtum über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus gewünscht. Wir wissen inzwischen, dass die Aufarbeitung im Zuge von 1968 so ihre Probleme hatte. Johannes Gross prägte das Wort: „Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.“ Es ist viel Ungerechtigkeit der damaligen Generation gegenüber geschehen, und es wurde oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Es musste immer gleich alles, was deutsch oder preußisch ist, dran glauben. Ein Unding! Abgesehen davon, dass es sachlich falsch ist, stellt sich zudem die Frage, wie man mit einer solchen Einstellung jemals wieder ein Land namens Deutschland aufbauen soll? Eine konstruktive Vision für Deutschland und die deutsche Kultur außer Sex und Jeans und Rock’n’Roll findet sich in diesem Roman nicht. Das hätte man von einem Roman aus dem Jahr 2022 aber erwarten können. Das Rad der Geschichte hat sich inzwischen doch deutlich weitergedreht.

Dieser Roman verrät mehr über den Zeitgeist des Jahres 2022 in einem bestimmten linken „juste milieu“ als über die wahren Vorgänge der Nachkriegszeit. Denn dieser Roman tut nichts anderes, als die infantilen Phantasien linker Spätgeborener, die geistig irgendwo in den 1980er Jahren stehen geblieben sind, in die Vergangenheit zu projizieren. Dieser Roman ist schrecklich falsch: Literarisch falsch. Historisch falsch. Politisch falsch. Es ist kein Wunder, dass dieser Roman sich nicht an der historischen Realität orientieren konnte sondern fast alles frei erfinden musste: Denn dieser Roman ist die Ausgeburt einer fehlgeleiteten Phantasie, die mit der Realität nichts zu tun hat. Historizität wird nur vorgetäuscht. Der Roman hätte statt „Schmelzwasser“ auch den Titel „Li-La-Lustiges Nazi-Bashing mit Claudia Roth und Greta Thunberg“ tragen können. In die Tonne damit!

Bewertung: 1 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon 07. Oktober 2022)