Schlagwort: kleine Leute

Heinz Berggruen: Angekreidet (1947)

Blick eines Entnazifizierers auf die Deutschen

Der berühmte Kunstsammler Heinz Berggruen (1914-2007) emigrierte 1936 aus Deutschland in die USA und kam nach dem Krieg als Sergeant der US-Armee nach Deutschland zurück, wo er 1946/47 Mitherausgeber der Kunstzeitschrift „Heute“ in München wurde, bei der auch Erich Kästner mitarbeitete. Berggruen verfasste eine kleine Serie von satirischen Glossen, die die Entnazifierung vorantreiben sollten. Diese Glossen erschienen 1947 auch als Buch unter dem Titel „Angekreidet“, 1998 dann noch einmal in größerer Auflage unter dem Titel „Abendstunden in Demokratie“, in einer Zusammenstellung mit Bildern von Paul Klee und skurrilen Zeitungsnotizen aus der damaligen Zeit (was ein wenig an „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen erinnert).

Die Glossen

Die Glossen nehmen die Deutschen und ihren Umgang mit dem Nationalsozialismus auf die Schippe. Man sieht, wie Schuld klein- und weggeredet wird. Wie Wendehälse heute ganz anders reden als früher. Wie bereitwillig bei der Demokratisierung mitgemacht wird, aber nicht aus Überzeugung, sondern weil das jetzt angesagt ist. Wie der alte Ungeist unterschwellig weiterlebt. Wie die Bürokratie der Entnazifizierung über die Menschen hereinbricht und die Menschen mit Galgenhumor reagieren, statt mit Einsicht. Wie Widerstand im Nationalsozialismus auch nach 1945 als Verrat gewertet wird. usw. usf.

Die Glossen richten sich an die Leser einer Kunstzeitschrift, also an durchaus gebildetere Leute. Die jeweilige Botschaft der Glossen kommt nur zwischen den Zeilen zum Ausdruck. Heinz Berggruen beobachtet einfach, wie die Leute reden, und indem er sie reden lässt, verraten sie sich selbst. Oder er lobt ein Verhalten in so übertriebener Weise, dass klar wird: Das Gegenteil ist gemeint. Das Verfahren hat aber auch einen Nachteil: Nicht immer ist völlig klar, worauf der Autor hinauswill. Dem modernen Leser fehlt teilweise das nötige Kontextwissen, um alle Anspielungen zu verstehen.

Für eine gewisse Kollektivschuld

Speziell die Glosse „Im Hintergrund der Alte Fritz“ ist für heutige Leser nur schwer deutbar. Auf den ersten Blick sieht es nämlich so aus, als ob der Autor sich die These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens zu eigen mache. Doch in Wahrheit nimmt er dieses Denken gründlich auf die Schippe. Die Botschaft ist klar: Die Leute sollten die Schuld gefälligst bei sich selbst suchen, nicht bei Martin Luther, Friedrich dem Großen oder Bismarck, was nur absurd ist.

Allerdings gibt es für diese Schwierigkeit mit der Deutung noch einen zweiten Grund: Im unserer Zeit hat sich die falsche These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens erneut Bahn gebrochen, und einige der Ansichten, die Berggruen hier auf die Schippe nimmt, sind höchst gegenwärtige Ansichten, die uns heute „normal“ erscheinen, obwohl sie völlig unsinnig sind.

Es kommt aber noch eine dritte Schwierigkeit hinzu: Offenbar macht der Autor einen Unterschied zwischen der These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens einerseits und der These von der Kollektivschuld andererseits. Denn in einer anderen Glosse wird die Ablehnung der Kollektivschuld einem Unbelehrbaren in den Mund gelegt. Auch im Vorwort von 1998 wird die Zurückweisung einer Kollektivschuld als Zeichen der Verdrängung dargestellt. Im Umkehrschluss heißt das, der Autor ist eher für die These von der Kollektivschuld aller Deutschen.

Bei nochmalig näherem Betrachten der Glosse „Im Hintergrund der Alte Fritz“ wird dann klar: Auch hier lehnt der Autor nur die These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens ab, die Kollektivschuldthese aber nicht. Um das zu sehen, muss man aber schon sehr genau lesen.

Die Annahme einer gewissen Art von Kollektivschuld bei gleichzeitiger Ablehnung der These vom Nationalsozialismus als Kulmination des deutschen Wesens ist sehr eigen. Im Grunde trägt der Autor hier einen inneren Widerspruch mit sich herum. Denn wie sollten die Deutschen kollektiv schuldig geworden sein, ohne dass diese kollektive Schuld sich historisch vorbereitet hätte?

Einige der Glossen nehmen die kleinen Leute und ihre unpolitische Art auf die Schippe. Hier fragt sich der Leser, ob diese Satire überhaupt valide ist? Denn die kleinen Leute sind nun einmal unpolitisch und werden es immer sein. Der in diesen Glossen enthaltene stille Vorwurf, die kleinen Leute hätten den Natonalsozialismus stramm ablehnen sollen, ist womöglich eine überzogene und unrealistische moralische Forderung. Auch hier zeigt sich, dass der Autor einer falschen Idee von Kollektivschuld anhing.

Gegen eine Kollektivschuld

Ist Heinz Berggruen also Anhänger der Kollektivschuldthese? Zwei Einwände sind hier zu machen:

Zuerst, dass Heinz Berggruen sich in späteren Jahren ganz eindeutig gegen eine Kollektivschuld ausgesprochen hat. Das hat Heinz Berggruen sehr deutlich gemacht. Das könnte bedeuten, dass wir es hier mit einer Meinungsänderung zu tun haben. Damals war er offenbar noch eher für eine Kollektivschuld, später dann mit Klarheit dagegen. Dass der Autor umgedacht hat, deutet sich auch im Vorwort von 1998 an, in dem das Wort „Kollektivschuld“ zweimal vorkommt, und die Glossen als „Nahaufnahme ohne Retusche“ gedeutet – also fast entschuldigt – werden, Zitat:

„Parteigenossen stuften sich zu harmlosen Mitläufern herab. Die Arierparagraphen wollte keiner mehr kennen, und das Wort Kollektivschuld wurde eher vermieden. Man lebte (schlecht) mit einer Vergangenheit, die keiner wahrhaben wollte. Niemand sei ‚dabei‘ gewesen, war der tägliche Refrain. Jeder hatte plötzlich jüdische Freunde.
          Es gibt keine Spruchkammern mehr und keine Entnazifizierung. Von ‚innerer Emigration‘ wird nicht mehr gesprochen, so wenig wie von Arierparagraphen und von Kollektivschuld. Was ich damals schrieb oder vielmehr ankreidete, war als Nahaufnahme gedacht, ohne Retusche.“

Als zweites ist zu bedenken, dass die These von der Kollektivschuld den damaligen Bemühungen der Alliierten zur Entnazifizierung zumindest implizit zugrundelag. Und Berggruen arbeitete damals im Auftrag der Alliierten. Vielleicht kann das ein Teil einer Erklärung sein, warum Berggruen damals eher für eine Kollektivschuld schrieb.

Fazit

Alles in allem geben die Glossen einen Blick in die damalige Zeit, aber nur unter der Perspektive des Autors, und diese Perspektive ist zu hinterfragen. Nicht nur die Deutschen, die der Autor auf die Schippe nimmt, auch der Autor und seine Perspektive ist ein Objekt des zeithistorisch interessierten, kritischen Beobachters.

Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Anna Seghers: Das siebte Kreuz (1942)

Kommunistisches Zerrbild der NS-Verfolgung – dennoch lesenswert

In Anna Seghers Roman „Das Siebte Kreuz“ geht es um einen Kommunisten namens Georg Heisler, der mit sechs Mithäftlingen aus einem KZ bei Mainz ausbricht und quer durch die Rhein-Main-Region flieht, bis ihm schließlich die Flucht aus Deutschland mithilfe von ehemaligen Genossen gelingt, während die anderen sechs wieder gefangen genommen und an für diesen Zweck vorbereitete „Kreuze“ geschlagen werden: Das siebte Kreuz aber bleibt leer, die Diktatur ist nicht unbesiegbar. – Georg Heisler begegnet auf seiner Flucht den Deutschen in ihrem Alltag im Nationalsozialismus und erlebt, wie sie sich mit der Diktatur arrangieren und wie sie sich verhalten, wenn sie vor eine risikoreiche Gewissensentscheidung gestellt werden. Von der inneren Emigration über gedankenloses Mittun in der Diktatur bis hin zum überzeugten Nazi ist alles vertreten.

Kritik

Der Roman zeigt Kommunisten nur von ihrer Schokoladenseite, d.h. als idealistische Kämpfer mit einem ungebrochenen humanitären Anspruch. Doch das ist grober Unfug.

  • Seghers stellt Kritik an Stalins Sowjetunion (wo Millionen verfolgt wurden und sterben mussten) als dummes Nachgeplapper von antikommunistischer Propaganda hin (S. 239).
  • Seghers begann diesen Roman 1938 in Frankreich zu schreiben, also genau in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes, der u.a. zur Folge hatte, dass die Kommunisten in Frankreich den Einmarsch der Deutschen unterstützten. Aber kein Wort davon im Roman.
  • Viele sehen eine Quintessenz des Romans darin, dass Heisler im Gegensatz zu den anderen sechs Geflohenen die Flucht gelang, weil er Hilfe von seinen Genossen bekam. Da erhebt sich aber die Frage, warum die Genossen nur den Genossen halfen? Wäre es nicht human gewesen, wenn sie jedem geholfen hätten, ob Genosse oder nicht?
  • Mehrfach wird der Traum beschworen, nach Spanien zu fliehen, und dort im Spanischen Bürgerkrieg mitzukämpfen. Aber auch dort zeigte der Kommunismus seine hässliche Seite: Massenhaft Morde an Zivilisten, Morde z.B. an Priestern nur weil sie Priester waren, Morde an „Verrätern“, und überhaupt der Kampf nicht etwa für eine „Republik“, wie es oft heißt, sondern natürlich für die Diktatur, eben für eine kommunistische Diktatur. Auch Genosse Erich Mielke ging einst nach Spanien, nachdem er in Deutschland zwei Polizisten ermordet hatte, und begann dort seine Karriere als Stasi-Schnüffler, indem er „Verräter“ ans Messer lieferte.
  • Die überzeugte Kommunistin Anna Seghers floh 1941 nach Mexiko. In Mexiko wurde aber nur ein Jahr zuvor der kommunistische Dissident Leo Trotzki von den Häschern Stalins aufgespürt und brutal ermordet. Seghers schrieb da immer noch an diesem Buch. Hätte die Sensibilität einer Literatin nicht dazu führen müssen, dass sich diese Untaten im Namen des Kommunismus irgendwie in ihren Werken niederschlagen?

Kurz: Als Demokrat, der dem antitotalitären Grundkonsens verpflichtet ist, und ausnahmslos jede radikale Ideologie ablehnen muss, kann man diesen Roman nicht wirklich ernst nehmen. Da bekommt man also vorgeführt, wie die Genossen sich gegen eine inhumane Verfolgung wehren und sich als Idealisten rühmen, aber in Wahrheit sind sie selbst zu genau derselben Verfolgung von politisch missliebigen Personen fähig und bereit und haben sie auch aktiv begangen: Tausendfach, millionenfach, in der Sowjetunion, in Spanien, in Deutschland, weltweit.

Die Widmung des Buches an alle „toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands“ klingt da wie reiner Hohn. Denn Erich Mielke ist da mitgemeint. Nicht zufällig spielte Anna Seghers in der stalinistischen DDR-Diktatur später eine wichtige Rolle. Die Schwere ihrer Schuld gegenüber den Opfern der DDR-Diktatur vernichtet jeden Anspruch von Anna Seghers auf eine humane Gesinnung.

Die Judenverfolgung spielt in diesem Roman übrigens eine erstaunlich harmlose Rolle. Ganz am Rande der Handlung erfährt man, dass mit einem jüdischen Arzt rücksichtslos umgegangen wird. Mehr aber nicht: Keine Verhaftung, kein Berufsverbot. Und man liest von jüdischen Tuchhändlern, die ihren Laden ausverkaufen und auswandern. Tatsächlich gab es in den 1930er Jahren zunächst „nur“ eine Diskriminierung, aber noch keine Verfolgung der Juden in Deutschland. Die systematische Verfolgung und Ermordung der Juden begann erst 1938. Also genau in dem Jahr, in dem Seghers ihren Roman zu schreiben begann! Hätte man da nicht erwarten können, dass Seghers das Schicksal der Juden etwas mehr bearbeitet? Im Roman sieht es so aus, als ob die Kommunisten die Hauptleidtragenden des Nationalsozialismus gewesen wären.

Es stimmt auch nicht, dass der Roman die ganze deutsche Gesellschaft in allen ihren Schichten abbildet, wie manche meinen. Der Schwerpunkt liegt eindeutig bei den kleinen Leuten, den Bauern, Schäfern, Handwerkern, Fabrikarbeitern, Umzugspackern und deren Ehefrauen, die fast immer Hausfrauen und sonst nichts sind. Die Mittelschicht wird höchstens gestreift. Die Oberschicht kommt nicht vor. Völlig abwesend sind auch Liberale und Konservative und deren Widerstand gegen die Diktatur. Man hört nichts von Christen, Monarchisten, Adligen, Gutsbesitzern, Beamten, Militärs und Unternehmern, die gegen den Nationalsozialismus sind. Man hört auch nichts von SPDlern, nichtkommunistischen Gewerkschaftern, Intellektuellen, Journalisten, Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern.

Das ganze Buch ist bei näherem Hinsehen ein viel zu simples Schwarz-Weiß: Auf der einen Seite die kleinen, „proletarischen“ Leute und die edelmütigen Kommunisten, auf der anderen Seite der Rest …. und der Rest zählt offenbar nicht, oder wird kurzerhand gleich ganz den Nazis zugerechnet. Dieses Zerrbild der deutschen Gesellschaft im Nationalsozialismus ist völlig unakzeptabel!

Anna Seghers lebte von 1933 an im Exil. Das bedeutet, dass ihre Darstellung der Zustände im nationalsozialistischen Deutschland nicht auf ihre eigene, unmittelbare Erfahrung zurückgeht. Bei literarisch „aus der Ferne“ geschriebenen Werken besteht immer die Gefahr, dass Dinge verzerrt und über- oder auch unterzeichnet werden. Und wie wir sahen, ist bei Anna Seghers in der Tat eine ganze Menge verzerrt und über- bzw. unterzeichnet.

Es gibt wahrlich genügend Autoren, die ihre realen Erlebnisse schildern. Es wäre besser, sich an diese Autoren zu halten. Ein gutes Beispiel ist hier Françoise Frenkel mit ihrem bewegenden Buch „Nichts, um sein Haupt zu betten“: Eine jüdische Polin, die eine französische Buchhandlung in Berlin betrieb, vor den Nazis nach Frankreich floh, dort mit der Hilfe guter Menschen (nein, keine Kommunisten) der Verfolgung durch die französischen Behörden entkam und schließlich in die Schweiz fliehen konnte. Mit der Realität kann keine Fiktion mithalten.

Dennoch lesenswert

Es gibt dennoch gewisse Gründe, warum man dieses Buch lesen sollte:

  • Zunächst ganz einfach deshalb, weil das Buch heute vielgelesen und vielgerühmt ist. Man sollte wissen, was da gelesen und gerühmt wird. Das ist natürlich kein rühmlicher Grund, dieses Buch zu lesen.
  • Die Zeichnung des gehetzten Denkens eines Fliehenden und des vorsichtige Ratens und Ertastens, ob ein Gegenüber ebenso denkt wie man selbst und auch in Gefahr verlässlich ist, ist literarisch gut gelungen.
  • Die Zeichnung der kleinen Leute und ihres häufig sehr irrationalen Denkens und ihres oft eigenwilligen Arrangements mit der Obrigkeit ist literarisch gut gelungen und sehr lehrreich, allerdings unabhängig von der speziellen Situation der NS-Diktatur. Denn die kleinen Leute sind immer so, unabhängig von dem System, in dem sie leben. Sie machen auch Witze über andere Herrscher, und ducken sich gleichermaßen vor ihnen. Sie arrangieren sich auch mit der Demokratie nicht etwa deshalb, weil sie überzeugte Demokraten wären. Kleine Leute haben keine Überzeugungen von dieser Art. Dieses Denken der kleinen Leute wird von Anna Seghers recht gut eingefangen. Zum Vergleich könnte man etwa „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen lesen, das dieselben kleinen Leute unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus zeigt. Sie machen immer noch ihre Witze, sie arrangieren sich immer noch, sie haben immer noch keine echte Überzeugung.

Aperçu: „Neger“-Debatte

Auch in Anna Seghers Buch „Das Siebte Kreuz“ taucht das Wort „Neger“ auf. Es dient zur Beschreibung der rußgeschwärzten Gesichter von Schweißern in einer Werkstatt, Zitat: „… Blicke, aus schrägen Augen, in denen sich die weißen Augäpfel drohend zu rollen schienen, wie die Augen von Negern, …“ (S. 331)

Interessanterweise ist aber noch niemand auf die Idee gekommen, dieses unter dem Gesichtspunkt der aktuellen Political Correctness äußerst delikate Zitat aus diesem Buch tilgen zu wollen. Man vergleiche mit dem harmlosen „Negerkönig“ aus Pippi Langstrumpf. Ob es wohl daran liegt, dass Anna Seghers eine Säulenheilige der Linken ist?

Bewertung: 2 von 5 Sternen.

(Erstveröffentlichung auf Amazon am 11. Juli 2018)